Meine Geliebte, ich sehe jetzt, wie sich (Brief 6)

Zusammenfassung

Ein Treffen zwischen Otto Gross und Frieda Weekley steht fest. Gross fragt Frieda, ob es nicht möglich sein, daß sie "die Kinder vorher auf den Continent", zu ihrer Mutter bringe. Möglicherweise ist demzufolge ein Treffen in England geplant. Er schreibt, von gemeinsamen Kindern, die noch nicht auf der Welt seien, "nur jenes Eine, aber das ist doch gar so klein" (?).

Er kündigt ihr die Zusendung seiner letzten Arbeit an und weist sie auf den bevorstehenden ersten "Congress der Freudschen Schule" hin, der in Salzburg stattfinden soll und für den er einen Vortrag über "culturelle Perspektiven" anmelden will.

Er hofft, auf diesem Kongreß das Programm für sein Leben bringen zu können. In einer "practischen Methode", "durch eine Untersuchungs-Technik" sei es möglich, "auf Einmal in die Wesenheit des geistigen Lebens schauen zu können", in dieser Richtung sei die "Zukunft am Werk" und "Freud's Schatten" nicht mehr auf seinem Weg.

Er berichtet, daß seine Frau Frieda wieder nach Heidelberg reist.

Er schreibt weiter über seine Intervention beim Vormundschaftsgericht, mit der er seine Patientin Elisabeth Lang aus der Gewalt der Eltern freibekommen will.

Otto Gross an Frieda Weekley


1.
Meine Geliebte,
ich sehe jetzt, wie sich
das Tiefste und Grösste in
Dir befreit und wie Du
in stiller Kraft Deiner selbst
bewusst wirst - wie eine
stolze Harmonie in
Dir sich vollendet -
Du hast die grosse
Einfachheit des Ausdrucks
gefunden, die unterscheidend
für das Vornehmste ist -
ich bin noch nicht so
weit, dass ich die Worte
hätte davon zu sprechen.
Ich weiss nur meine Liebe
erfüllt von einem unend-
lichen Dank für Dein
Werden und Sein.

Ich überschaue jetzt
die seltsamen Geschicke
und Entwickelungen
in meiner letzten Werde-
zeit und sehe, dass
für mich die letzte, frucht-
barste und tiefste Krise
begonnen hat, wie Du
in mein Leben getreten
bist. Du hast mir das
Glück der Verheissung
gebracht und die Prüfung
auf den Wert meines Seins.
In dieser letzten Zeit erst
habe ich am Meisten gelitten
und erlebt und erkannt,
was ich soll - wenn ich
jetzt fest geworden bin,
so bin ich es durch Dich,

Nun lebe ich Deinem
Kommen entgegen
und dem unendlichen
Glück. -
Frieda, ist es nicht
möglich, dass Du die
Kinder [1vorher auf den
Continent bringst
- zu
Deiner Mutter [2] etwa ?
So dass Du nicht zurück-
kehren musst ? Es ist so
unbeschreiblich schwer, Dich
wieder zurückzulassen -
wenn Du die Kinder nicht
in England
hast, so bist
Du doch freier im Ent-
schliessen ? Vermag es wirk-
lich eine Macht, Dein herr-
liches Leben unterdrückt zu
halten - es ist nicht auszudenken - -

2.
Ich schicke Dir dem-
nächst meine letzte
Arbeit [3] - es ist ein Kind
des letzten Jahres, ich
hab' es gern. Unsere Kin-
der aber sind jetzt noch
nicht auf der Welt - nur
jenes Eine, aber das ist doch
gar so klein - : unsere
Kinder, das sind die Pro-
jecte, mit denen ich
recht eigentlich mich
selbst und meinen Weg

gefunden habe. - In näch-
ster Zeit, da ist in Salzburg
der erste Congress der Freudschen

Schule, da will ich einen
Vortrag anmelden "culturelle
Perspectiven
" [4] - da will ich
mein Programm für mein
Leben bringen. - Es ist
ein Augenblick, wie er bisher
noch ganz ohne Beispiel ist
- das wir durch eine prac-
tische Methode, durch eine
Untersuchungs-Technik auf
Einmal in die Wesenheit des
geistigen Lebens schauen
können - und wer jetzt
Augen hat, der sieht in dieser
aufgethanen Perspective
die Zukunft am Werk - -
In dieser Richtung hab' ich
freie Bahn, da liegt der
riesige Schatten Freud's

jetzt nicht mehr auf
meinem Weg - - - -
Heute geht Frieda
wieder nach Heidelberg [5]
- es war eine wichtige
Zeit, die wir diesmal ver-
bracht haben - ich glaube,
Frieda ist nachdenklich
geworden. Wir sind den tiefen
Fragen, die zwischen uns sind,
näher gekommen - ich
glaube, Frieda beginnt zu
sehen, dass ihre Stellung
zu meinem Beruf und meinem
Streben
darüber entscheiden
muss, ob sie mir Liebe geben
kann, die unser werth ist - dass zwischen
ihr und mehr nur eine Liebe
aus dem reichen und freudigen
Jasagen leben kann - -

Ich habe in diesen Tagen
eine sehr interessante Arbeit,
die mir jetzt wunderbar ge-
legen kommt. Ich mache den
Versuch, durch eine Inter-
vention beim Vormundschafts-
gericht, die Elisabeth Lang [6]
zu befreien, die jetzt von
ihren Eltern in einer schand-
baren Freiheitsberaubung
zuhause gehalten wird.
Die Aussichten scheinen gute
zu sein - ich habe derzeit
für den Advocaten das
Gutachten herzustellen und
darin nachzuweisen, dass
das erzwungene Verbleiben
im Elternhaus für sie gesund-
heitsgefährlich ist. - Wenn der
Process gelingen sollte, so wäre
das von einer grossen Tragweite.

3.
Es wäre die Erste gerichtliche
Anerkennung eines Anspruchs
auf Schutz der Individualität
- oder wie Einer von den
Juristen gesagt hat : der Nach-
weis, dass die Philister ge-
sundheitsschädlich sind - -
Dass der überhaupt erst er-
bracht werden muss - - -
Geliebte, komm bald,
ich sehne mich nach Dir
- Du bringst mir ja das
Wunderbare, das Einssein
in Einer Freude - das Dio-
nysische, das ist es - Du
bringst mir, dass ich nicht
mehr einsam sein muss -
Als Bub hab ich gelesen und
seltsam wie ein Schicksals-
wort empfunden - es heisst

"nam idem velle at que
idem nolle" - "Dasselbe
wollen im Ja und Nein"
[7] - 
- - - ich hab' auf Dich
gewartet, um Das zu finden
- dass die lange Sehnsucht
und dieses grosse Wollen
in einem Rausch der Sinne
Leben wird, ist unsere
Liebe, Frieda - - Komm
bald, komm bald, Geliebte -
Dein Otto


1) Frieda Weekley hatte drei Kinder: den 1900 geborenen Charles Montague, die 1902 geborene Elsa Agnes Frieda und die 1904 geborene Barbara Joy
2) Anna von Richthofen, geb. Marquier, die in Metz wohnte
3) Der Aufsatz "Elterngewalt" erschien 1908 in "Die Zukunft", Bd. 65, S. 78-80
4) Der Kongreß fand am 26.-27. April 1908 statt.
5) In Heidelberg besuchte Frieda Gross Else und Edgar Jaffé.
6) Der Aufsatz "Elterngewalt" thematisiert diesen Fall; s. a. War schon verstimt, ehe sie Ausbrüche wegen der [?] hatte. -
7) Eigentlich: "Nam idem velle atque idem nolle, ea demum firma amicitia est" (Denn dasselbe zu wollen und dasselbe nicht zu wollen, das erst ist sichere Freundschaft), Sallust, De coniuratione Catilinae, 20,4. Paderborn 1984. Meinen herzlichen Dank an Prof. Dr. phil. Hans Peter Schramm für die Verifizierung der zitierten Stelle.


Kate Whitney (Laura Linney):
"Es ist gefährlich da draussen."

Luther Whitney (Clint Eastwood) im Hinausgehen:
"Das ist es immer." (Ab.)

"Absolute Power" (USA 1997)