Eduard Schiemann - der “lange Russe” mit dem unfehlbaren System

Eduard Schiemann

1905 kommt Franziska Schiemann, geb. Beckmann, nach München. Die 43-jährige Witwe des Kaufmanns Eduard Schiemann sen. (gest. 1908) sieht in der bayerischen Hauptstadt womöglich für sich und ihren 19-jähriger Sohn die günstigsten Möglichkeiten für eine weitere Existenz. Schließlich lebt in München mit Agnes Schiemann eine Verwandte, hier bietet sich außerdem für den am 14. Mai 1885 im russischen Saratow geborenen Sohn, eine gute Gelegenheit, seine Studien fortzusetzen. Noch studiert er - der wie der Vater den Namen Eduard (Gustav) trägt - in Karlsruhe, aber schon im Februar 1906 zieht auch er nach München, bezieht mit der Mutter eine gemeinsame Wohnung in der Mandlstr. 1a/III, und will sein Studium an der Kunstakademie fortsetzen. Eduard Schiemann ist von auffallender Gestalt, schlank, gutaussehend und fast zwei Meter groß. Er wird recht schnell in der Münchener Bohème heimisch: Im Juli 1908 notiert Franziska Gräfin zu Reventlow in ihrem Tagebuch:

Die letzte Nacht bei Schiemann geschlafen, sassen Abends im Leopold Lisa u. ich ganz melancholisch, dass es nur Trennung u. kein Obdach mehr giebt. Sie zog mit Willy Müller ab, mich führte Sch. heimlich zu seiner Höhle, wo Bubi schon schlief. Zündhölzer vergessen u. mich etwas verzweifelt in der fremden dunklen Wohnung herumgetappt.
 Bett entsetzlich schmal, schliesslich mich auf den Boden gelegt, erst gegen Morgen etwas geschlafen. Früh mit Bubi gesentimentalt, es war uns doch etwas leid, im Sommer hat wenigstens das grosse Atelier seinen Reiz gehabt mit Vogelzwitschern u. Frühsonne. Und die Gewitter Nachts.
 Den Morgen ganz verkatert, noch die letzten Gänge gethan u. den Packern zugesehen. Nach Tisch zu Strahlendorff ausgeruht, Café getrunken, warmes Bad genommen. Abend Bubi u. ich zu Friess übergesiedelt. (Reventlow, Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich, S. 491)

Wo sich das große Atelier Schiemanns befand, ließ sich nicht ermitteln, in der fraglichen Zeit ist er gar nicht in München polizeilich gemeldet. Erwiesen ist allerdings - durch Polizeibericht und die autobiographischen Aufzeichnungen von Leonhard Frank und Franz Jung -, dass er sich der von Erich Mühsam 1909 gegründeten Gruppe “Tat“ und dem Kreis des österreichischen Psychoanalytikers Otto Gross anschließt - einer illustren Gesellschaft:

Dazu zählen: Der Student an der Kunstakademie Rudolf Böhm (STAP 16078. Ein Gedicht 'Aufforderung' von ihm in ANB III, 5 v. März 1905), geb. 1884, bereits 1906 Mitarbeiter am FA, dann in München Einberufer der erwähnten Versammlung am 4. 3. 1909 (Rudolf Böhm, Das Hornberger Schießen, FA VII, 27 v. 2. 7. 1910), und am 1. 4. 1910 zum 2. Vorsitzenden des 'Freidenker-Vereins München' gewählt; der von dem zum Anarchismus neigenden Josef Sontheimer beherrscht wurde. Am 15. 4. 1910 referierte Böhm in einer Versammlung über 'Anarchie' (Bericht STAOB, RA Fasc. 3789, Nr. 16835), ab 14. 5. 1911 übernahm er nach Ausscheiden Toni Maiers die Mitredaktion des KAIN (DAKB, NL Mühsam III 3038: Tgb. v. 13. 5. 1911). Agitatorisch wirkte er auch durch Titelblätter im FA (Titelbild der Mai-Zeitung des FA v. 1. 5. 1910) und an anderer Stelle (Titelblatt 'Sieger von Moabit', in: 1. Original-Münchner-Kritik (Münchner Neuigkeitsblatt). Satirisch-kritische Wochenschrift für die Verbreitung freiheitlicher Volksinteressen nebst Neuigkeits-anhang (hrsg. v. W. Craemer), München VII, 3 v. 13. 1. 1911. Mitte 1911 ging er dann auf eine Kunstreise nach Skandinavien; ohne in der Zwischenzeit mehr als Anarchist hervorzutreten, fiel er 1915 in der Champagne.

Auch der Student (der Sozialwissenschaften oder der Kunstgeschichte) Karl Otten, geb. 1889, stieß im Wintersemester 1910/11 auf die Tatgruppe, eingeführt durch die Privatstudentin Zigora (Zilli) Stamm, geb. 1887 in Österreich (über beide Material STAP 16430 und 15655); vielleicht lief die Verbindung über die Freundin Ottens in München, die Studentin Irene Lang, 1894 in Galizien geboren. Diese Zilli Stamm wiederum war die Geliebte des Karl Schultze (Morax), auf den wir später noch kommen; er hatte die Zilli ebenso wie seine erste Münchner Geliebte, die Näherin Ida Weber, zum Anarchismus bekehrt (DAKB, NL Mühsam III 3037: Tgb. v. 26. 9. 1910). Eine weitere Studentin wurde durch Mühsam für die 'Tat' gewonnen: seine Geliebte Jenny Brünn, geb. 1892, 1912 Studentin der Nationalökonomie in München. (FANAL II, 6 v. März 1928, S. 128 f.; häufig in Mühsams Tagebüchern erwähnt. Ein Brief von ihr an Mühsam v. 7. 4. 1915; STAP 16385; aus ihm geht hervor, daß sie auch nach der Übersiedlung von München nach Berlin weitere Kontakte zu Landauer hatte):

Ferner gehörten zum Tat-Kreis der Maler und Zeichner Robert Scheidegger, geb. 1882 in der Schweiz; der Schriftsteller Ludwig List, geb. 1883 in Österreich (über beide STAP 15655), der Kunstmaler Juan Babtist Carbonel aus Barcelona, geb. 1880, der Kunstzeichner Eduard Schiemann, geb. 1885 in Rußland, der Zeichner Ernst Frick, geb. 1881, der stud. phil. Alexander Schmied, der praktische Arzt Dr. med. Ludwig Arthur, geb. 1874 (diese Personen nach einer Polizeiliste STAP 9012), der Student und Schriftsteller Friedrich Klein, geb. 1882, bei dem Otten in München wohnte (STAP 9012 und 16077), der künftige Maler Georg Schrimpf, geb. 1889 (Oskar Maria Graf, Georg Schrimpf. Mit einer Selbstbiographie des Künstlers, Leipzig 1923, S. 15), der Schriftsteller Oskar Maria Graf, geb. 1894 (Graf, Wir sind Gefangene, München 1928, S. 69 ff.) und der Student der Nationalökonomie und Literat Franz Jung, geb. 1888 (Jung, Der Weg nach unten, o. O. und o. J. [1961], S. 78 ff.). (Linse, Organisierter Anarchismus, S. 93-94 FN 81)

Otto Gross hatte in seinen Münchener Jahren einen Kreis von Anhängern um sich versammelt, die zum größten Teil mit ihm nach Ascona gegangen sind; bekannt geworden sind mir Leonhard Frank, Karl Otten, Frick und Schiemann, den ich schließlich in Moskau zehn Jahre später wiedertreffen sollte. (Jung, Weg nach unten, S. 70)

Auch Doktor Otto Kreuz hatte einen Kreis von Anhängern. An seinem Tisch saßen ein knochenmagerer zwei Meter langer Russe mit einem winzigen Knabenköpfchen, … (Frank, Links wo das Herz ist, S. 16-17)

Der lange Russe sagte entschlossen: “Kein Zweifel, Nietzsche und Freud ermöglichen uns, den Weg zu bereiten für den komplexfreien hemmungslosen Übermenschen. Das ist das brennende Problem der Epoche. Wenn wir es gelöst haben, werden wir in dünner Luft gefährlich leben.“ Er stützte die Stirn in die Hand. “Da ist nur ein Hindernis, allerdings ein sehr ernstes, äußerst ernstes - das Christentum.“
 Der Anarchist, seiner Sache sicher, entgegnete ruhig: “Das Christentum ist durch Nietzsche ins Schwanken geraten. Nietzsche hat den Unterbau des Christentums gelockert.“
 “Ah, ja, das hatte ich vergessen“, sagte der Russe erleichtert. (S. 18)

Seine Frau [gemeint ist Gross’ Frau Frieda, Anm. R.D.], maisblond wie er, mit schweren Beinen und etwas zu starker Nase - in linealgerader Linie mit der Stirn -, eine üppige Nofretete, die schön aussah, sooft beim Lächeln die großen, ebenmäßigen Zahnbögen sichtbar wurden, machte belegte Brote zurecht, einen Berg - in den langen Russen ging viel hinein. (S. 20)

“Hoffentlich wird er Sophie deflorieren, damit auch sie das brennende Problem der Epoche mit den Augen der Mitte sieht“, sagte der Russe und schob mit seinen langen, delikat gespreizten Fingern einen riesigen Streifen Brot mit Schinken in den Mund, ohne anzustoßen. (S. 20-21)

Der Schweizer Anarchist, der lange Russe und Fritz, der verbummelte Student, saßen nebeneinander im Wohnzimmer. (S. 37)

Der Russe, der ein rotlackiertes Spielzeugroulette nicht größer als eine Untertasse, vor sich stehen hatte, sagte in einem Ton, der jede Diskussion unnötig machen sollte: “Die achthundert Mark werden wir selbstverständlich expropiieren, da das im Sinne Nietzsches ist. Zweifellos ganz im Sinne Nietzsches!“
 “Außerdem könnten wir das Geld brauchen. Geld kann man immer brauchen“, sagte Fritz und goß ein.
 Der Anarchist lächelte in ehrlicher Verachtung. “Es geht nicht um das Geld; es geht um die Idee - nämlich die Stützen des Staates zu untergraben. Mit allen Mitteln! Darum geht es.“
 “Selbstverständlich“, rief der Russe ohne Besinnen. “Außerdem kann ich mit dem Geld nach Monte Carlo fahren, wenn ihr wollt, und es mit meinem System ohne weiteres verhundertfachen. Ohne weiteres!“
 Während er auf dem Spielzeugroulette sein System demonstrierte und mit den imaginären achthundert Mark ein imaginäres Vermögen gewann, stand Doktor Kreuz im kleinen Zimmer am Fenster und blickte hinaus auf die nachtstille Straße, in Gedanken an das noch nicht gezeugte Kind. […] (S. 38)

Auch Fritz und der Anarchist waren da. Vom Russen war soeben aus Monte Carlo ein Telegramm gekommen, folgenden Inhalts: KEHRE DIESEN ABEND ZURÜCK stop TODESWUNSCH. Jeder fragte sich, was das Wort “Todeswunsch“ zu bedeuten habe. Alle witterten Unheil. (S. 39)

Der Einbruch beim Metzgermeister Rücken war planmäßig verlaufen. Während der Russe an jenem Sonntagmorgen Wache haltend in der ganz menschenleeren Straße vor dem Haus hin und her gegangen war, so übertrieben auffällig, dass der dümmste Polizist Verdacht geschöpft haben würde, hatten der Anarchist und Fritz die Wohnungstür und den Schreibtisch mit Sperrhaken geöffnet. In der Schublade waren nur sieben Mark gelegen. Durch den Raub von sieben Mark könne diese Stütze des Staates nicht untergraben werden, hatte der Anarchist gesagt und Fritz das Geld mit Gewalt aus der Faust gerungen und es wieder in die Schublade gelegt. Den folgenden Tag hatte Frau Doktor Kreuz, beeindruckt von dem System des Russen, das Spielgeld für Monte Carlo gespendet.
Kurz vor Mitternacht kam er. Ein Beamter des Kasinos hatte ihm ein Billett dritter Klasse Monte Carlo - München ausgehändigt, erst auf dem Bahnhof, und ihn in den Zug befördert, und so sah er auch aus - ein noch kleiner gewordenes Bubengesichtchen, schlammgrün wie das einer Wasserleiche. Einen lebensrettenden Arthur, der die Hungrigen sättigte, auch wenn sie nicht bezahlen konnten, hatte es im Speisewagen ebenfalls nicht gegeben.
Er zog den Doktor sofort am Arm ins kleine Zimmer, ging zuerst eine Weile auf und ab, tief in Gedanken, und riß plötzlich den Kopf hoch. “Ja, es gibt keine andere Erklärung - es muß ein Todeswunsch sein. Deshalb verlor ich. Mußte ich ja verlieren, selbstverständlich! Ohne zu wissen, wie ich hingekommen war, stand ich in Monte Carlo plötzlich im Selbstmörderfriedhof und grübelte über meine Kindheit nach.“ Er riß den Kopf wieder hoch und schnitt sein Grübeln mit einer Handbewegung endgültig ab. “Ganz zweifellos ein Todeswunsch! Ich habe auf der Rückfahrt natürlich schon mit der Selbstanalyse begonnen.“ (S. 40)

Doktor Kreuz war ein kühn und original denkender Theoretiker und im Leben der Wirklichkeit der denkbar schlechteste Menschenkenner, kindlich gutgläubig bis zur Blindheit. Er sprach mit dem Russen, der über den Spielverlust ehrlich verzweifelt war, die halbe Nacht über den Todeswunsch des konstellierten Menschen. (S. 41)

Leonhard Frank hat den Konsens, der die Basis des Kreises um Gross ausmacht, an dieser Stelle wahrscheinlich recht genau wiedergegeben: konsequent werden persönliche Beziehungen und Meinungen auf den Prüfstand psychoanalytischer Erkenntnisse gestellt, man analysiert und therapiert sich wechselseitig, um den neuen Menschen zu formen, der frei ist vom Unrat der alten Gesellschaft, währenddessen die politischen Aktionen zuweilen eher - zumindest aus heutiger Sicht - die Qualität einer Spaßguerilla haben. Eduard Schiemann, so könnte man meinen, nimmt in diesem Kreis fast die Rolle eines Vorzugsschülers von Gross ein, beinahe behutsam könnte man den geschilderten Umgang des mehr als 10 Jahre älteren Gross mit dem lernwilligen Schiemann nennen.

Eduard Schiemanns Entwurf für den Almanach 'Der Blaue Reiter'

Doch Eduard Schiemann ist nicht nur in den Zirkeln um Gross und Mühsam aktiv. Nachdem er sich 1909 von München nach Dachau abgemeldet hat, findet sich seine Spur kurz darauf wieder in München: Im Bestand der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München finden sich drei Arbeiten, die ihm lange Zeit zugerechnet wurden: die beiden Aquarelle Groteske I (35 x 35,5 cm, Sign.: GMS 749) und II (14,2 x 17,9 cm, Sign.: GMS 750) aus der Zeit von 1910 (die tatsächlich von Elsa Schiemann stammen) und ein Entwurf für den Einband des Almanachs “Der Blaue Reiter” von 1911 (Textilfarben auf Seide, 23,2 x 18,5 cm, Sign.: 784), der auf eindrucksvolle Weise das künstlerische Engagement des jungen Malers belegt. Der nach einem Motiv von Franz Marc gestaltete Entwurf wurde allerdings nach Angaben von Gabriele Münter (durch deren Schenkung alle drei Arbeiten 1957 ins Lenbachhaus gelangten), “namentlich auch von Marc” selbst abgelehnt. "Gut scheinen mir die Dinger gerade nicht" urteilte er in einem Brief an Wassily Kandinsky. (Der Almanach “Der Blaue Reiter“ erschien im Mai 1912, die Idee der Herausgabe wird auf den Juni 1911 datiert.)

Schiemann hat nicht nur als Maler Talent. Er ist sprachbegabt und ein versierter Kenner der russischen Literatur. So nimmt es nicht wunder, das seine erste Übersetzungsarbeit bereits aus dem Jahr 1913 datiert. Er übersetzt Alexej Tolstoj’s Werk “Kindliche Weisheit“ ins Deutsche und macht sich damit als Übersetzer einen Namen. Schon im darauffolgenden Jahr werden seine Übersetzungen weiterer, namhafter russischer Autoren (Michail Arcybasev, Volodimir Vinnicenko und erneut Tolstoj) publiziert. Er heiratet Elsa Specht, für die diese Ehe womöglich den endgültigen Bruch mit ihrer - überwiegend konservativen - Familie bedeutet. Mehr als sechs Jahre älter als Schiemann hatte sie gleichfalls früh - als Vierjährige - den Vater verloren, danach führte die Mutter allein das zum Hotel umfunktionierte Schloss Reinbek bei Hamburg und versorgte die sieben Kinder. Eine enge Beziehung hat Elsa, die wie Schiemann Malerin ist, zu ihrer ein Jahr jüngeren Schwester Minna und dem Bruder Wilhelm. Als 1916 die fünfte Folge der Zeitschrift “Die freie Straße“ erscheint, enthält sie Zeichnungen von Elsa Schiemann. Die Namensliste der ansonsten an der Zeitschrift Beteiligten liest sich wie ein spätes “Who is Who” der Münchener Gesellschaft um Schiemann aus den Jahren 1906 - 1908: Dazu gehören Oskar Maria Graf, Otto Gross, Max Herrmann-Neisse, Cläre Oehring, ihr Mann Richard, Georg Schrimpf - und neu dazu gekommen Franz Pfemfert, der die Publikation finanziert. Auch die Zielsetzung wirkt bekannt: Das erklärte Ziel der Zeitschrift ist die Vorarbeit zur Neuordnung der Beziehung, womit sowohl die persönlichen, freundschaftlichen wie sexuellen, als auch die Gesamtheit der gesellschaftlichen Beziehungen gemeint waren, Revolution eben im umfassenden Sinne.

Am 1. September 1916 kommt der gemeinsame Sohn Heinrich zur Welt, der - vielleicht vom ersten Lebensjahr abgesehen -, später nie mehr in persönlichen Kontakt zum Vater kommen wird. Setzen die Schiemanns hier die Gross’sche Idee um, nach der erst die nachkommende Generation imstande ist, sich vom Schmutz der Vaterrechtsgesellschaft zu befreien, eine Idee, die zur konsequenten Folge hat, dass die Kinder in die Obhut der Gemeinschaft gegeben werden? Sicher ist, dass zwar die künstlerische Gemeinsamkeit der Schiemanns groß - gern wählen beide ungewöhnliche Materialien zur Präsentation ihrer neuen Ästhetik, sie bemalt Geschirr, er Schals und Hausmäntel -, die Dauer der Beziehung allerdings nur kurz gewesen ist. Eduard Schiemann verlässt Deutschland in Richtung Russland, quasi am Vorabend der Oktoberrevolution. Es mag ein besonderes Gefühl für ihn gewesen sein, in das Land zurückzukehren, in dem er geboren wurde, in der Gewissheit, dass dort nun die eigenen Ideale der Verwirklichung entgegensehen.

Wir treffen ihn in Moskau wieder, wo er seine Bekanntschaft mit Wassily Kandinsky, den er vermutlich schon in München kennen gelernt hat, wie die zu Wladimir Majakowski, Boris Pasternak und Viktor Schklowski pflegt. Nebenbei fertigt er weiter Schals und Hausmäntel, die sich in den teureren Geschäften Moskaus gut verkaufen lassen. Er wird Leiter einer Zeichenschule für Kinder des Eisenbahner-Rayons und ist vom 21. November bis zum 3. Dezember 1917 mit neun Arbeiten, "Kompositionen" betitelt, an einer Ausstellung der Gruppe “Bubnovyj Valet” (Karo-Bube) beteiligt. Auch wenn sie sich kurz danach auflöst, führt sie in der Zeit ihrer Existenz (1910 - 1917) alle bedeutenden Künstler der Periode zusammen und dokumentiert auf eindrucksvolle Weise den starken Einfluss des Kubismus, Futurismus, des Expressionismus und der Fauves.

Ausstellungskatalog Bubnovyj Valet, Moskau 1917

Mit Majakowski findet Eduard Schiemann eine neue und zeitgemäße künstlerische Ausdrucksform. Beide sind für die Nachrichtenagentur “Rosta” der jungen Sowjetrepublik aktiv: dabei fertigt Schiemann Linolschnitte nach Zeichnungen Majakowski’s für die so genannten “Rosta-Fenster”, in Handarbeit hergestellte übergroße Propaganda-Plakate, die zur Aufklärung der Bevölkerung über die Ziele der Revolution dienen.

Zu den wenigen insgesamt erhaltenen Arbeiten Schiemanns gehört aus dieser Zeit das Werk “Komposition No 12″ aus dem Jahr 1919 (Öl auf Leinwand, 106,5 x 71 cm), das sich heute im Staatlichen Kunstmuseum in Rostow am Don befindet.

Schiemanns Beitritt zum Berufsverband Bildender Künstler im Jahr 1920 ist mit seiner Bekanntschaft mit der erst 23-jährigen Elena Liessner verbunden, die er nachhaltig beeindruckt. Sie zieht zu ihm in sein Atelier.

Am 7. Mai 1920 kam jemand, der in den Berufsverband eintreten wollte.
 Auf den Fragebogen schrieb er: Eduard Schiemann, geboren 1885 in Reval [Warum Schiemann hier - abweichend von seinen Angaben bei den Münchener Meldebehörden Reval als Geburtsort angegeben hat, ist unklar.], Maler, sowjetischer Bürger. Am nächsten Tag schon kam er wieder, und einen Tag später begleitete er mich nach Hause. Daraus wurde ein langer Weg durch die Straßen, an deren Ecken Flieder verkauft wurde, über Boulevards, auf denen Pfützen funkelten.
 In einem Café, wo man saure Milch anbot – saure Milch war damals gerade ein Schlager – erzählte er, dass er in einem Monat nach Berlin fahre, dort eine Frau habe, die Else hieß, dass er mit der Malerin Gumilina befreundet war, die Majakowski liebte. Ich erzählte ihm, dass ich die gelbe Katze gekauft habe, dass ich Malerin sei, mich in einer Sackgasse befände – und Majakowski bewundere. Er schrieb auf einen kleinen Zettel in sehr klarer, schöner Schrift: Sadowaja – Tschernogrjasskaja – Chomutowski Tupik 8. Dort stand in einem Hof ein Holzhaus, ein Apfelbaum an der Treppe. 
In der unteren Atelierwohnung wohnte der Maler Ritschkow mit seiner altgläubigen Frau, sie war reich. Oben war ein herrliches Atelier, dazu ein weiteres großes Zimmer, da wohnte Schiemann.
 Schiemann machte Linolschnitte nach den Zeichnungen Majakowskis für die “Rosta“ und leitete die Zeichenschule für Kinder der Eisenbahner des Rayons. Franz Jung, der deutsche Anarchist, war damals mit einem gekaperten Schiff voller Lebensmittel nach Murmansk gekommen. [Jung kam am 30. April 1920 in Murmansk an.] Mit ihm wollte Schiemann nach Deutschland. Als er sich einen Monat später auf der Straße von mir verabschiedete und wirklich nach Berlin fuhr, übernahm ich sein Atelier und die Kinder. (Liessner, S. 47-48)

Sicher werden Jung und Schiemann sich bei ihrer Begegnung in Moskau über gemeinsame Freunde ausgetauscht haben. Hat Jung wohl vom tragischen Ende von Otto Gross am 13. Februar 1920 erzählt? Ob Schiemann sich nach Elsa und dem Sohn erkundigt hat? Schließlich kennt Jung sich mit der Familie Specht aus: ihm ist nicht nur Elsa bekannt, in seinen Münchener Tagen war er bei ihrem Bruder, dem Privatdozenten Dr. med. Wilhelm Specht, in psychoanalytischer Behandlung.

Schiemann wird nicht mit Franz Jung nach Deutschland zurück gereist sein. Den führte eine wahre Odyssee über Norwegen direkt ins Zuchthaus, erst nach Cuxhaven, später in Hamburg und Fuhlsbüttel. Verbürgt ist allerdings der Moskauer Kontakt zwischen Beiden.

Im Juni 1920 in Berlin angekommen, hat Schiemann wenig Mühe, in der Reichshauptstadt Anschluss zu finden. Er lebt mit Bibiana Amon zusammen (die im Verlauf ihres Lebens Partnerin so prominenter Literaten wie Gustav Meyrink, Anton Kuh und Bernhard Kellermann und als Angelika in Franz Werfel’s Roman “Barbara oder die Frömmigkeit” verewigt ist) und ist im eigenem Atelier in der Kaiserallee 64 künstlerisch tätig (gegenüber dem Domizil der Zeitschrift “Sturm“ von Herwarth Walden, unweit Franz Pfemferts 1917 gegründeter “Aktions Buch- und Kunsthandlung”, Kaiserallee 22, Ecke Rankeplatz). Laufende Übersetzungsarbeiten, mit denen ihn die sowjetische Handelsgesellschaft, die Komintern und das Volkskommissariat für Schwerindustrie der Sowjetunion beauftragt, dürften allerdings die Basis für Schiemanns materielle Existenz dargestellt haben. 1921 wird die häusliche Gemeinschaft durch Elena Liessner ergänzt, die aus Moskau zuzieht, vorübergehend vervollständigt die Mutter Franziska die Wohngemeinschaft. Bis dahin hat die Witwe - nach einem knapp einjährigen Aufenthalt in Starnberg zurück - in München das Hotel Pension “Im Fürstenhof” betrieben und schließlich Lampenschirme hergestellt. Elena Liessner ist Chronistin dieses Lebensabschnitts der Protagonisten:

Am Polytechnischen Institut gab es unzählige Abende, an denen Majakowski seine Werke vortrug. Er sprach ohne Mikrofon, seine Stimme genügte. Zuletzt hörte ich ihn bei der Erstaufführung von “150 Millionen“. [1921] Das war kurz vor meiner Abreise nach Berlin.
Die Aufführung war zu Ende, und er stand in einer Tür im Foyer. Ich trat zu ihm, begrüßte ihn und sagte, dass ich Schiemann in Berlin treffen würde, ob er die “150 Millionen“ ins Deutsche übersetzen könne.
Majakowski sagte nur: “Schiemann kann keine Gedichte übersetzen.“ Aber Schiemann war der autorisierte Übersetzer von Artzibaschew und Alexej Tolstoi. Außerdem wusste ich, dass die Malerin Gumilina, die in Majakowski verliebt war, mit Schiemann gelebt hatte. Sie hat dann ihrem Leben in einem Ätherrausch ein Ende gemacht. (Liessner, S. 55-56)

So ergab es sich wie von selbst, dass ich mit meinem österreichischen Paß in die Österreichische Botschaft ging, die jetzt “Österreichischer Soldatenrat“ hieß. Ich war ja durch meinen Vater österreichischer Staatsbürger. Die Ausreise war möglich. Mich zog es nach Berlin, wo ich Schiemann wusste. Und so feierte ich bei meiner Mutter noch Ostern und fuhr also am 7. Mai 1921 von Moskau ab in Richtung Prag. (Liessner, S. 58)

Bibiana Amon

Natürlich hatte Schiemann inzwischen eine neue Freundin. Sie hieß Bibiana Amon. Er schnupfte Kokain und hatte kein Geld. Es war der Beginn der Inflation. Ich brachte zehntausend Mark mit, die nach Schimmel rochen, weil meine Mutter sie in einer Blechbüchse vergraben hatte. Diese zehntausend Mark legte ich in Schiemanns Atelier, Kaiserallee 64, auf den Tisch – und wir lebten zu dritt bei nicht enden wollenden psychoanalytischen Gesprächen, mit nicht enden wollenden Konflikten. Aber wir lebten – und ich lernte, nicht nur alle psychoanalytischen Begriffe wie „ich assoziiere“ – das wurde bei uns zur stehenden Redensart. (Ebenda)

Mein Deutsch reichte kaum für das Notwendigste, und ich saß still am Tisch, frisch importiert aus dem revolutionären Moskau, und Bibiana erzählte allen: “Das ist das Mädchen, das zu Schiemann aus Moskau gekommen ist.“ (Liessner, S. 58-59)

Das Zusammenleben in Schiemanns Atelier war eine einzige Verstrickung, und ich sah keinen Ausweg. Bis eines Tages Schiemanns Mutter aus München kam. (Liessner, S. 60)

Kandinsky sprach mit mir russisch. Ich brachte ihm eine Mappe mit Kinderzeichnungen von meiner Kindergruppe aus Moskau. Schiemann, der Kandinsky von dort her kannte, hatte mich dazu aufgefordert. (Ebenda)

Gern erinnere ich mich an den Besuch Viktor Schklowskis bei Puni, ein geistreicher, kluger Mensch. Als ich ihm erzählte, dass ich Schiemanns wegen nach Berlin gekommen sei, sagte er: “Den kenne ich. Er ist Spezialist. Ich bin auch ein Spezialist, aber ohne Mystik!“ Darüber hat sich dann Schiemann sehr amüsiert, denn er war einmal der Gattin Schklowskis nachgestiegen – aber ohne Erfolg, weil er allzu psychoanalytisch vorgegangen war. (Liessner, S. 64)

Albrecht Blomberg, 1891 in Moskau geboren, besuchte in Dresden die Kunstakademie zur gleichen Zeit wie George Grosz. Danach studierte er in München an der Akademie, verbrachte aber mehr Zeit im Café Stephanie in einem Kreis, zu dem Leonhard Frank, Erich Mühsam und Johannes R. Becher gehörten, der Psychoanalytiker Gross war dabei und auch Eduard Schiemann. (Liessner, S. 66)

Vsevolod Ivanov: Panzerzug Nr. 14-69 : Erzählung / Dt. v. Eduard Schiemann. Hamburg: Carl  Hoym Nachf. Louis Cahnbley, 1923, Titelblatt

Nach einer Unterbrechung von neun Jahren wendet sich Schiemann 1923 wieder der Übersetzung russischer Prosa zu. Es erscheinen Werke von Pavel Dybenko, Vsevolod Ivanov und Jurij Libedinsky, die ihn als Übersetzer benennen. Und wenn er auch bei der Frau Schklowskis keinen Erfolg hat, hat er diesen an anderer Stelle: Er heiratet zum zweiten Mal - die 1894 geborene Russin Elena. Die Jahre 1924-1925 dürften im Leben Schiemanns als gravierend und besonders in beruflicher Hinsicht hoch befriedigend gewesen sein: ihm wird die Übersetzung der Briefe Lenins an Maxim Gorki wie die von Larissa Reissner’s “Die Front” anvertraut, er unterstützt Josef Heller bei der Übersetzung von dessen Werk “Kants Persönlichkeit und Leben“ (wie dieser dankbar im Buch vermerkt) und wird 1925 erneut Vater eines Sohnes, Alexander (”Sascha”).

Doch all dies scheint das Paar nicht wirklich zu befriedigen: Es verlässt Russland und reist nach Berlin, sucht Elena Liessner auf, die inzwischen Albrecht Blomberg geheiratet hat, und veranlasst beide, zusammen mit den Kindern nach Swinemünde zu reisen. Dort will man mit Roulettespiel im nahegelegenen Zoppot die Mittel zu erwerben, um ein neues Ziel zu realisieren: die Weltumseglung mit einer Yacht! Während die Männer dem Erfolg im Glücksspiel nachjagen, versorgen die zurückbleibenden Frauen, zu denen sich bald auch Bibiana Amon und Schiemann’s Mutter gesellen, die Kinder und betreiben ein Heim für die Kinder der Angestellten der sowjetischen Handelsgesellschaft. Elena Liessner schildert dieses neue Abenteuer:

In dieser Situation [ca. 1925] meldete sich Schiemann, mit dem wir seit 1924 aus verschiedenen Gründen alle Beziehungen abgebrochen hatten, er tauchte plötzlich wieder in Berlin bei uns auf, kam mit seiner Frau, die auch Lena hieß und aus Moskau stammte, und verkündete, sie hätten beide ein unfehlbares System für das Roulettespiel ausgearbeitet. Es wäre so sicher, dass wir alle mit unseren Kindern – er hatte auch einen Sohn im Alter von meinem Mischa [der im Mai 1925 geboren wurde] – unsere Sorgen los würden und uns eine Yacht kaufen könnten, um mit ihr um die Welt zu segeln. Wie schön! (Liessner, S. 66)

In Swinemünde wurde eine Villa für ein Jahr gemietet, dort wohnte ich zusammen mit den Kindern und Frau Henning und ihren zwei Töchtern, dazu Schiemanns Mutter, die mir vor Jahren den guten Rat gegeben hatte: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Auch Bibiana, die frühere Freundin Schiemanns, kam zu Besuch. Im Sommer improvisierten wir ein Heim für Kinder der Angestellten der sowjetischen Handelsgesellschaft in Berlin – es brachte nicht viel ein.

Lena und Eduard Schiemann mit Albrecht Blomberg und Sohn Alexander in Zoppot

Je weiter das Jahr vorrückte, um so brenzliger wurde die Lage. Blomberg und Schiemann spielten in Zoppot, nach Schiemanns unfehlbarem System, fleißig Roulette. Anfangskapital 30 000 Mark von Frau Henning und noch weitere gesammelte Gelder, es war ein ehrliches, aber hoffnungsloses Unternehmen.
 Briefe kamen aus Zoppot, manchmal kamen die Männer selbst, es ging dort ewig auf und ab. Zum Schluß ging es nur noch abwärts, dann kam die große Pleite. Zoppot wurde aufgegeben, die Yacht und die Reise um die Welt … (Liessner, S. 68)

Wir trennten uns endgültig von Schiemann, der mit Frau und Kind nach Moskau zurückfuhr, er war ja Sowjetbürger. (Ebenda)

Wir wissen nicht, ob Schiemann - zurück in der Sowjetunion - seiner im August 1925 mit einer Delegation ausländischer Lehrer (zu der auch Berta Lask gehört) einreisenden Schwägerin begegnet ist (vgl. Lost, Mitteilungen zu Minna Specht, S. 151). Minna Specht ist sehr an einer detaillierten Kenntnis der Erziehung im Sowjetstaat interessiert und befindet sich in einer schwierigen Lage: ihre Reise wird von ihrer Parteiführung argwöhnisch verfolgt. Schließlich wich die engagierte Pädagogin in etlichen Fragen von der Politik der Sozialdemokratie ab und hatte schon 1917 zusammen mit Leonhard Nelson den Internationalen Jugendbund (IJB) gegründet. Den Bund verstanden beide als Erziehungsgemeinschaft, die das Ziel verfolgt, den Vernunftgedanken in der Politik aller Staaten zum herrschenden Prinzip zu machen. Ende 1925 wurden beide aus der Partei ausgeschlossen.

Das Jahr 1926 beschert Schiemann einen Volltreffer, wenn auch als Übersetzer: neben Bykov und Larissa Reissner steht Lew Davydovich Trockij und dessen “Europa und Amerika” auf seiner Agenda. Mitte April bis Ende Mai 1927 kommt Minna Specht, diesmal zusammen mit Leonard Nelson, erneut in die Sowjetunion - auf Einladung von A. W. Lunatscharski, dem Volkskommissar für Erziehungswesen (Lost, S. 151; Hansen-Schaberg, Erinnerung an Minna Specht). War der erste Besuch noch positiv bewertet worden, fällt das Ergebnis des zweiten ernüchternd aus: Überall Erstarrungen, Enge und Angst, Widersprüche unterschiedlichster Art zwischen Lebensweise und Moral der Führer und deren Postulaten andererseits. Für Minna Specht waren das keine neuen Horizonte, nach denen es zu streben sich lohnte. Ob Schiemann die Erkenntnisse der Schwägerin teilte?

Derweil glaubt sich die Schwester Elsa im fernen Kairo auf einem ganz anderen Weg in die richtige Richtung zu bewegen: Am 27. April ist ihr neuer Lebenspartner, Leopold Weiss, zum Islam konvertiert und hat den Namen Muhammad Asad angenommen. Kurz darauf treten auch Elsa Schiemann und ihr Sohn Heinrich zum Islam über. Beide nehmen die muslimischen Vornamen Aziza und Ahmad an. Im Juni 1927 gelangt Elsa Schiemann - die zuvor Muhammad Asad nach islamischem Recht geheiratet hatte -, auf tragische Weise an ihr Lebensziel. Am Ende einer Pilgerfahrt stirbt sie in Mekka an den Folgen einer Malaria-Erkrankung. Für Minna Specht hält das Jahr einen weiteren schweren Schlag bereit: im Oktober stirbt Leonard Nelson. Eduard Schiemann übersetzt im Verlauf des Jahres Aleksandr Serafimovic’ “Der eiserne Strom” ins Deutsche.

Am Ende der Zwanziger und zu Beginn der Dreißiger Jahre erleben wir Eduard Schiemann wieder in enger literarischer Verbindung mit den in Deutschland lebenden Expressionistenkreisen. 1929 erscheint “Der eiserne Strom” in neuer Ausgabe, zusammen mit Neverov’s “Taschkent, die brotreiche Stadt“, das von Maria “Marie“ Einstein-Schaefer - Ehefrau von Carl Einstein und Schwester von Nadja Strasser (eigentl. Noema Ramm) und Alexandra Ramm-Pfemfert -, übersetzt worden war. Die Redaktion der 1933 von Schiemann besorgten Übersetzung von Michail Scholochow’s “Neuland unterm Pflug“ übernahm Herwarth Walden, Anne Bernfeld betreute Furmanow’s “Tschapajew” (1934 gleichfalls von Schiemann übersetzt).

Alexander und Lena Schiemann

Doch da sind längst andere Zeiten angebrochen: in Deutschland triumphiert der neue (Nazi-)Mensch, in Russland der Stalinsche Terror, die offenen Wechselbeziehungen zwischen Deutschland und Russland lösen sich auf. Schiemann arbeitet als Übersetzer für das Volkskommissariat für Schwerindustrie, auch bei den deutschen Firmen Krupp und Demag in Düsseldorf. Vor dort wird er 1935 eilends nach Russland abberufen, angeblich steht seine Verhaftung als russischer Spion ins Haus.

Der Moskauer Prozess gegen das so genannte “sowjetfeindliche trotzkistische Zentrum”, der vom 23. bis zum 30. Januar 1937 veranstaltet wird und vor allem ein Verfahren gegen das Volkskommissariat für Schwerindustrie war, wirft böse Schatten auf den weiteren Lebensweg Schiemanns und seiner Familie: Der Prozess endet mit der Erschießung des Stellvertretenden Kommissars, Georgi Pjatakow, und dem mysteriösen Tod des Leiters Sergo Ordschonikidse am 18. Februar 1937.

Aus den nächsten vier Jahre wissen wir nichts von Eduard, Elena und Sascha Schiemann. Am 5. Juli 1941, zwei Wochen nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, wird Eduard Schiemann in seiner Wohnung in der Chochlovskij-Gasse 11, Wohnung Nr. 18, in Moskau verhaftet und der Spionage beschuldigt, die drohende Verhaftung seinerzeit in Deutschland wird vom NKWD als Provokation der Nazis interpretiert, denen es so gelang, ihn in Russland als Spion einzuschleusen. Er wird - da Moskau als Kriegsgebiet gilt - nach Omsk verbracht und dort am 23. Dezember 1941 zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er stirbt am 16. März 1942 in einem russischen Lager. Über den Verbleib der Angehörigen ist nichts bekannt.

Nachtrag

1972 erschien in der DDR eine Ausgabe von Fadejews “Der Letzte der Uheden“, beruhend auf Schiemann’s Übersetzung, 1987 wurde Marietta Schaginjan’s “Mess Mend oder die Yankees in Leningrad“ in Westdeutschland wieder aufgelegt, als Vorlage diente Schiemann’s Übersetzung aus dem Jahr 1925.

Muhammad Asad starb am 20. Februar 1992 in Mijas in Spanien, Eduard Schiemann’s Sohn Heinrich am 9. November 2002 in Taunusstein. Als seine Sternstunde gilt, dass er am 20. Juli 1969 - für Millionen faszinierter Zuschauer am Bildschirm - die Mondlandung von Apollo 11 kommentieren durfte, auch so ein Abenteuer nach unfehlbarem System.

Im März 2011 teilte MEMORIAL Deutschland e.V. mit, dass Eduard Schiemann in der russischen Datenbank der Organisation als Opfer des politischen Terrors erfasst ist und offiziell am 16. Januar 1989 rehabilitiert wurde.

Literatur

  • Der Blaue Reiter im Lenbachhaus München. Katalog der Sammlung in der Städtischen Galerie. Bearbeitet von Rosel Gollek, München 1985, 384
  • Dubrovic, Milan: Veruntreute Geschichte. Frankfurt a.M.: Fischer 1987, S. 44, 99ff.
  • Frank, Leonhard: Links wo das Herz ist. München: Nymphenburger 1952
  • Hagen, Kuno: Lexikon deutschbaltischer bildender Künstler. 20. Jahrhundert. Köln: Wissenschaft und Politik, 1983, S. 119
  • Hansen-Schaberg, Inge: Leben und Wirken von Minna Specht. Erinnerung an Minna Specht. 2000. www.exil-archiv.de/grafik/biografien/specht/eroeffnungsvortrag.pdf
  • Jung, Franz: Der Weg nach unten. Leipzig: Reclam 1991, S. 70
  • Liessner, Elena: Aus meinem Leben, in: Wolf, Gerhart, Jürgen Rennert u. Werner Schmidt: Elena Liessner-Blomberg oder Die Geschichte vom Blauen Vogel. Berlin: Buchverl. Der Morgen 1978, S. 12-78
  • Linse, Ulrich: Organisierter Anarchismus im Kaiserreich von 1871. Berlin: Duncker & Humblot 1969, S. 94
  • Lost, Christine: Mitteilungen zu Minna Specht: Moskauer Tagebuch 1927, in: OSO-Hefte. N.F. 15 (1993), S. 149-162
  • Mitzman, Arthur: Anarchism, Espressionism and Psychoanalysis. In: New German Critique. Vol. 10 (1977), S. 77-104, hier S. 84 FN 22
  • Pereña, Helena: Elsa & Eduard Schiemann, in: Friedel, Helmut u. Annegret Hoberg (Hrsg.): "Der Blaue Reiter". Zeichnungen, Aquarelle und Druckgraphiken aus dem Lenbachhaus. Ein Tanz in Farben. München: Hirmer 2010, S. 318-323, hier S. 319f.; sowie dies., Eduard Schiemann, in: Ebd., S. 362f.
  • Reventlow, Franziska Gräfin zu: “Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich”. Tagebücher 1895 - 1910. Passau: Stutz, 2006
  • Schirn-Kunsthalle, Frankfurt/M. (Hrsg.): Velikaja utopija. Russkij i sovetskij avantgard 1915 - 1932. Bern: Bentelli, 1993, S. 819 [Dt. Ausg. u.d.T.: Die große Utopie. Ersch. 1992]
  • Werfel, Franz: Barbara oder die Frömmigkeit. Berlin, Wien, Leipzig: Zsolnay 1929
  • Windhager, Günther: Leopold Weiss alias Muhammad Asad. Von Galizien nach Arabien 1900 – 1927. 3. Aufl. Wien: Böhlau 2008

Auswahlbibliographie Eduard Schiemann (chronologisch geordnet)

1913

Tolstoj, Lev N.: Kindliche Weisheit : Kleine dramat. Szenen a. d. Nachlaß / Übers. v. Eduard Schiemann. München, Leipzig: Hans Sachs-Verl., 1913

1914

Arcybasev, Michail Petrovic: Eifersucht : Drama in fünf Akten / Einzige, berechtigte und autorisierte Übertragung aus d. Russischen von Eduard Schiemann. München, Berlin: G. Müller, 1914

Ders.: Der Holzklotz und andere Novellen / Übertr. von Eduard Schiemann. München & Leipzig: G. Müller, 1914

Schiemann, Eduard: Der letzte Schritt. Novellen vom Grafen A. N. Tolstoi. Einzig berechtigte und autorisierte Übertragung aus dem Russischen von Eduard Schiemann. Bd 1. München: G. Müller, 1914

Vinnicenko, Volodomir: Ehrlich zu sich selbst : Roman / Übers. aus d. Kleinruss. von Eduard Schiemann. München: G.  Müller, 1914

1923

Dybenko, Pavel Efimovic: Die Rebellen : Erinnerungen aus der Revolutionszeit / Dt. von Eduard Schiemann. Hamburg: Carl  Hoym Nachf. Louis Cahnbley, 1923

Ivanov, Vsevolod Vjac: Farbige Winde : Erzählung / Dt. v. Eduard Schiemann. Umschlagzeichn. v. Karl Holtz. Hamburg: Carl  Hoym Nachf. Louis Cahnbley, 1923

Ders.: Panzerzug Nr. 14-69 : Erzählung / Dt. v. Eduard Schiemann. Hamburg: Carl  Hoym Nachf. Louis Cahnbley, 1923

Libedinsky, Jurij Nikolaevic: Eine Woche / Dt. v. Eduard Schiemann. Hamburg: Carl  Hoym Nachf. Louis Cahnbley, 1923

1924

Heller, Josef [Elias]: Kants Persönlichkeit und Leben; Versuch einer Charakteristik. Berlin: Pan Verlag R. Heise, 1924 (Anmerkungen: Urspringlich in russischer Sprache verfasst. Bei der Übertragung ins Deutsche war mir Herr Eduard Schiemann (Berlin-Friedenau) Behilflich.)

Lenin, Vladimir I.: Briefe an Maxim Gorki 1908-1913. Hrsg./Bearb.: Kamenov, L.; Schiemann, Eduard. Wien, Leipzig: Verlag f. Literatur u. Politik (O. Klemm), 1924

Reissner, Larissa Michajlovna: Die Front : 1918-1919 / Aus d. Russ. v. Eduard Schiemann. Wien: Verl. f. Lit. u. Politik, 1924

1925

Popov,  Aleksandr Serafimovic: Der eiserne Strom : Roman / Übers. v. Eduard Schiemann. Berlin: Neuer deutscher Verl., 1925

Saginian, Marietta Serguona: Mess Mend oder Die Gaukees in Leningrad / Übers v. Eduard Schiemann. Berlin: Neuer deutscher Verlag, 1925 (Anmerkungen: [Nebst] Sonderh. u. d. T.: Marc, Ren. T.: Mess Mend d. Leiter d. dt. Tscheka)

1926

Bykow, P. M.: Das Ende des Zarengeschlechts : die letzten Tage der Romanows ; auf Grund unveröff. amtl. Dokumente dargest. / Übertr. aus d. Russ. v. Eduard Schiemann. Berlin: Neuer Deutscher Verl., 1926

Reissner, Larissa: Oktober : ausgewählte Schriften. Hrsg. und eingeleitet von Karl Radek. / Autorisierte Übers. aus dem Russ. von Eduard Schiemann. Berlin: Neuer Dt. Verl., 1926

Trockij, Lev Davydovic: Europa und Amerika : 2 Reden / Übertr. a.d. Russ. v. Eduard Schiemann. Berlin: Neuer Dt. Verl., 1926

1927

Serafimovic, Aleksandr Serafimovic [d.i. Aleksandr Serafimovic Popov]: Der eiserne Strom : Roman aus d. russ. Revolution 1917 / Übertr. v. Eduard Schiemann. Berlin: Universum-Bücherei für alle, 1927

1929

Serafimovic, Aleksandr Serafimovic [d.i. Aleksandr Serafimovic Popov vereint mit Aleksandr Sergeevic Neverov d.i. Alexander Sergeevic Skrobelev]: Der eiserne Strom ; Taschkent, die brotreiche Stadt / Aus d. Russ. übertr. von Eduard Schiemann. Berlin: Neuer Deutscher Verl., 1929

Ders.: Der  eiserne Strom / Vereinigt mit Aleksandr Sergeevic Neverov: Taschkent, die brotreiche Stadt : [Roman] / Aus d. Russ. übertr. Von Eduard Schiemann. Berlin: Universum-Bücherei für Alle, 1929

Neverov, Aleksandr Sergeevic: Taschkent, die brotreiche Stadt / Übers. von Maria Einstein. Vereinigt mit Aleksandr Serafimovic: Der eiserne Strom / Übers. von Eduard Schiemann. 2. durchges. Aufl. Berlin: Neuer Deutscher Verlag, 1929

1932

Fadejew, Alexander Aleksandrovic: Der letzte Udehe : Roman / Übers. aus d. Russ. v. Eduard Schiemann. Wien, Berlin: Verl. f. Lit. u. Politik, (1932)

Ders.: Der letzte Udehe : Roman / Übers. v. Eduard Schiemann. Moskau: Verlagsgenossenschaft ausländ. Arbeiter in d. UdSSR, 1932

1933

Scholochow, Michail A.: Neuland unterm Pflug : Roman / Einzig autoris. Übertr. aus d. Russ. v. Eduard Schiemann unter Red. v. Herwarth Walden. Zürich: Ring-Verl., 1933

1934

Furmanov, Dmitrij Andreevic: Tschapajew : Roman / Übertr. v. Eduard Schiemann. Unter Red. v. Anne Bernfeld. Moskau ; Leningrad: Verl.-Genossensch. Ausländ. Arbeiter in d. UdSSR, 1934

Ders.: Tschapajew : Roman / Übertr. v. Eduard Schiemann. Unter Red. v. Anne Bernfeld. Zürich: Ring-Verl., 1934

Scholochow, Michail Aleksandrovic: Neuland unterm Pflug : Roman / Einzige autor. übertr. aus d. Russ. von Eduard Schiemann. Moskau [usw.]: Verl.-Genossenschaft Ausländ. Arbeiter in d. UdSSR, 1934

1972

Fadejew, Alexander Aleksandrovic: Der Letzte der Udehen : Roman / Dt. Neubearb. v. Maria Riwkin auf d. Grundlage e. Übers. v. Eduard Schiemann u. Thea Schnittke. Mit e. Nachw. v. Willi Beitz. Berlin: Verl. Volk u. Welt, (1972)

1987

Schaginjan, Marietta Serguona: Mess Mend oder die Yankees in Leningrad : Roman / Aus d. Russ. von Eduard Schiemann. Giessen: Anabas-Verl., 1987


Unter allen Fährten in diesem Leben gibt es eine,
die zum wahren Menschen führt.
Es ist gut, dass Du dieser nun folgst.

Strampelnder Vogel (Graham Greene)
in "Der mit dem Wolf tanzt" (USA 1990)

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