Peter Gross

Peter Gross

"Ich, Peter Wolfgang Gross, wurde am 31. Januar 1907 in München geboren als Sohn des Privatdozenten der Psychiatrie Dr. Otto Gross und seiner Frau Frida [sic!], geb. Schloffer. Das Reifezeugnis erwarb ich Ostern 1924 an der Schulgemeinde Wickersdorf in Thüringen. Ich studierte zunächst 3 Semester Philosophie und Volkswirtschaft in Heidelberg. Ab Sommer 1926 studierte ich Medizin in Berlin, Freiburg i.Br., Paris und Heidelberg. Das Physikum bestand ich Ostern 1928 in Berlin, das Staatsexamen Herbst 1932 in Heidelberg. Das Medizinalpraktikanten-Jahr vom 15. Januar 1933 bis 15. Januar 1934 absolvierte ich an der Medizinischen Klinik Heidelberg und an der Chirurgischen Klinik Heidelberg." (In: Gross, Peter: Zur Klinik der doppelseitigen traumatischen Schultergelenksluxation. Heidelberg, Univ., Med. Fak., 1934)

Frühere Zeugnisse von Peter Wolfgang (auch "Wolff" genannt) Gross liefern Max Weber und Erich Mühsam: Am 30. März 1913 besucht Max Weber Frieda Gross in Ascona und lernt dabei deren Kinder Eva und Peter näher kennen. Während er Eva als"höchst sensibel, schüchtern, ganz von der Mutter abhängig (weint bei jedem ernsten Wort von ihr), behütet wie ein Augapfel" schildert, fällt sein Urteil über den damals sechsjährigen Sohn und das Verhältnis zur Mutter deutlich negativer aus: "... der Bengel (Peter) dem Vater gleichend, brutal und unliebenswürdig, bekommt von ihr Versprechungen (die schwerlich alle gehalten werden), wenn er sich ,lieb' verhalte, bleicht mürrisch, trotzig oder unbeherrscht, wird ihr (da er dem ,Stiefvater' [gemeint ist Ernst Frick] sicher unerträglich sein muß) noch schwere Stunden machen" (Weber, Max: Briefe 1913-1914. Bd. 5. Tübingen 1990, S. 155f.)

"Mein lieber lieber Peter, eben höre ich, daß Du mit Deiner Mama und Deinem Schwesterchen in der Nähe bist. Ich möchte Euch alle furchtbar gern wiedersehen" - So Erich Mühsam an Wolff Peter Gross am 16. August 1913 (vgl. Mühsam, In meiner Posaune muß ein Sandkorn sein, 1984, S. 154).

Am 17. April 1924 an Margarethe Faas-Hardegger und Tochter Olga: "Liebste, beste Margrit! Daß Du mir meine Unruhe um den Peter [Gross] so schnell und befriedigend genommen hast, war unendlich lieb von Dir, und denke Dir nur, wie seltsam grade in diesen Tagen erhielt ich auch einen Brief von Frau Netty K.[atzenstein], der Freundin Tollers, der ich kürzlich im Interesse eines alten Freundes geschrieben hatte, und da sind nun weitere Ergänzungen über den Peter und seine Schwestern, und vielleicht kann ich Dir jetzt sogar Neuigkeiten über den Jungen schreiben. Er hat vor einigen Wochen sein Abiturium gemacht und zwar das beste Examen von allen. Nun erwartet Frieda [Gross] ihn bei sich. Ich bin nun sehr neugierig, welchen ferneren Weg der Bub jetzt wählen wird. Wenn er die durchaus geniale, phänomenal bedeutende geistige Potenz seines Vaters geerbt hat, seine Kräfte rein und frei zu halten weiß von den Giften (in jederlei Betracht), die Ottos wundervolle Anlagen zerrütteten und statt dessen die kluge, kritische und etwas ironische Spiritualität der Mutter zur Steuerung seiner Fahrt wirken läßt, dann müßte das Leben dieses jungen Menschen ein einziges Leuchten werden. Wie ich es wünschte!" (Mühsam, a.a.O., S.)

In einem 1941 von Peter Gross verfaßten Lebenslauf heißt es, er sei - wie seine Eltern - katholischer Konfession. In der Sterbeurkunde von Otto Gross vom 13. Februar 1920 heisst es allerdings, er sei "mosaischen Glaubens".

Weiter heißt es in dem zitierten Lebenslauf von 1941, daß Peter Gross Anfang 1934 in Heidelberg zum Dr. med. promoviert wurde. Da er allerdings "Reichsdeutscher" war, wurde ihm die Approbation nicht erteilt. Deshalb promovierte er 1937 an der Universität Graz nochmals zum Dr. med. (Wie mir die Universität Graz mitteilte, ist für die Absolvierung eines Medizinstudiums in Österreich keine Dissertation erforderlich. Ilse Reinprecht, Mail vom 11. April 2002) und erwarb die Approbation für Österreich. Mit dem "Anschluß" Österreichs war die rechtliche Grundlage für die Anerkennung der in Österreich erworbenen Approbation in Deutschland gegeben, die bald darauf erfolgte.

1934 war Peter Gross nach eigenen Angaben Volontär an der Inneren Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses Lübeck und Assistent an der Tuberkuloseberatungsstelle Bremen. 1935 Assistent an der Kinderklinik des Allgemeinen Krankenhauses Lübeck, ab August 1935 bis Januar 1936 Assistent am Tuberkulose-Krankenhaus Andreasberg, danach (bis Herbst 1936) Assistent an der geschlossenen und offenen Station der Psychiatrischen Privatklinik "Kuranstalten Westend" in Berlin, 1937 Assistent auf der Chirurgischen Abteilung des St. Hildegard-Krankenhauses in Berlin und schließlich 1938 bis Herbst 1939 Vertreter von praktischen Ärzten, Nervenärzten und Internisten, "teils in Berlin, teils auf dem Lande", darüberhinaus seit 1937 mit Unterbrechungen nebenberuflich in Ausbildung am Deutschen Institut für Psychotherapie in Berlin. Er konnte die Ausbildung allerdings wegen einer Erkrankung nicht abschließen.

Am 8. Juni 1934 wendet sich "Peter Gross, Lübeck, [...] zum Zwecke der medizinischen Approbationserteilung um eine Bestätigung über die Tätigkeit seines Vaters, Dr. Otto Gross aus Graz, [...] an der Psychiatrischen Klinik der Universität München in den Jahren 1906 bis 1910" an die Münchener Universität. "Antwort des Rektors der Universität München vom 25.6.1934: Dr. Otto Gross war weder als Privatdozent noch als Assistent an der Universität München tätig" (Aus den Akten des Universitätsarchivs Nervenklinik - Personal) - eine - wie wir heute wissen - falsche Auskunft.

Am 12. Janur 1937 schreibt er an das Bezirksgericht für ZRS, Abteilung 9, Graz I (Zeichen 9A 1089/15/409) und teilt, mit Bezug auf eine Anfrage des Gerichts, sein Geburtsdatum mit und daß er keine Kinder hat, Als Absenderadresse nennt er Berlin-Steglitz, Buggestr. 21, bei Dr. Strasser.

Im berüchtigten "Reichsmedizinalkalender" von 1937 wird Peter Gross unter Berlin aufgeführt, mit Praxis in NW 87, Flensburger Str. 7. Fälschlicherweise wird das Jahr 1922 als Datum der Approbation genannt (§ 284, S. 190).

Im Herbst 1939 wurde er zur Niederlassung als praktischer Arzt in Berlin zugelassen. Nach eigenen Angaben wollte er seine Praxis psychotherapeutisch ausbauen, nachdem er schon in seinen Vertretungspraxen "psychotherapeutische Methoden - und zwar auch gerade bei organischen Erkrankungen - hatte verwenden können. Infolge der Niederlassungssperre bei Kriegsausbruch liess sich dieser Plan dann nicht verwirklichen."

Schon als "Medizinalpraktikant" in Heidelberg hatte sich Peter Gross eine tuberkulöse Infektion zugezogen, die ihn 1939/40 vorübergehend zwang, die ärztliche Tätigkeit ruhen zu lassen. Im Juni 1930 nahm er trotzdem eine Tätigkeit als dienstverpflichteter Arzt am Röntgeninstitut des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin und am Psychotherapeutischen Institut in Berlin auf. Im Herbst 1940 war er gezwungen, die Tätigkeit wieder aufzugeben. Seit Ostern 1941 hält er sich zur Behandlung der Tuberkulose in der Deutschen Heilstätte in Davos auf.

Am 21. September 1946 stirbt Peter Gross in Davos im Alter von 39 Jahren (Mühsam, a.a.O., S. 899).

Exkurs: Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf

Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf wurde im Herbst 1906 von einer Gruppe "Pädagogischer Rebellen", zu denen Paul Geheeb, August Halm, Martin Luserke und Gustav Wyneken gehörten, gegründet.

Dieses reformpädagogische Projekt soll der Idee der Erziehung als Formung des Menschen im Sinne einer Weltanschauung dienen. Besonders für Wyneken geht es um eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Lehrer und Schüler. Dieses soll auf Kameradschaft und Führertum basieren. Er öffnet die Schule für Koedukation und Sexualerziehung. Im Gegensatz zum christlich geprägten Unterricht in herkömmlichen Schulen legt der Atheist Wyneken einen inhaltlichen Schwerpunkt auf die künstlerische, besonders die musische Erziehung. Bemerkenswert ist der große Anteil jüdischer Schüler, die aber von Wyneken skeptisch betrachtet werden. Schülermitbestimmung bekommt im Rahmen der Schulgemeinde einen wichtigen Stellenwert.

Blick auf Wickersdorf (Rechts oberhalb der Straßenkreuzung beginnt das Gelände der Freien Schulgemeinde)

1909 verlässt Geheeb Wickersdorf im Streit mit Wyneken. Das Schulprojekt wird von Reaktionären wegen seiner revolutionären Ansichten angefeindet. Auch der Komponist, Musikästhetiker und -erzieher August Halm verläßt vorübergehend die Einrichtung (in der er später - 1920 bis 1929 - wieder tätig sein wird).

1910 wird Wyneken vom Ministerium entlassen und Martin Luserke (1880-1968) übernimmt bis 1924 die Leitung der Schule, unterbrochen durch Kriegsdienst und Gefangenschaft von 1914  1917. Wyneken hält aber weiterhin seinen Einfluss auf Wickersdorf aufrecht, z.B. über die seit 1913 erscheinende Jugendzeitung der Schulgemeinde "Der Anfang", die durch Schmähungen immer wieder für Aufsehen sorgt. Ab 1910 ist er Vorsitzender des "Bundes freier Schulgemeinschaften" und Herausgeber von dessen Zeitung. Er versucht auch, eine neue Schule bzw. eine "Jugendburg" zu gründen und sich damit ein neues Feld für seine pädagogischen Ideen zu schaffen.

Mit seinen pädagogischen Ansätzen beeinflusst Wyneken als Erwachsener die aufkommende Jugendbewegung, zu der er ab 1912 in Verbindung steht. Wyneken kreiert den Begriff der "Jugendkultur" gegen die Unterwürfigkeit der wilhelminischen Zeit wie auch gegen Schule und Familie. Er arbeitet 1913 an der Formulierung der Meißner-Formel des Ersten Freideutschen Jugendtages am Hohen Meißner mit. Auch hier kommt es zu Spannungen, da Wyneken einen Führungsanspruch stellt, der von vielen Gruppen des Jugendtages abgelehnt wird.

Wyneken steht im Austausch mit freidenkenden Intellektuellen wie Walter Benjamin (der sein Schüler war), Siegfried Bernfeld, Martin Buber und Magnus Hirschfeld. 1918 ist Wyneken kurzzeitig in Bayern und Berlin im Kultusministerium beschäftigt und für mehrere Erlasse für die Erneuerung der Schule verantwortlich (Schülermitbestimmung, Organistationsrechte und Aufhebung des Religionszwanges). Diese werden aber nur ansatzweise umgesetzt.

1919 wird Wyneken wieder Leiter in Wickersdorf, sieht sich aber bald Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs an Schülern ausgesetzt und muß 1920 den Dienst quittieren. Bei Nachforschungen ließ sich feststellen, daß Wyneken zwei Schüler nackt umarmt hatte. In der Folge wird er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der Fall erregt deutschlandweit heftige Diskussionen. Wyneken ist in der Folgezeit als Schriftsteller tätig. Nach der Ermordung Walter Rathenaus regt er Erziehungsmaßnahmen gegen den aufkommenden Faschismus an. Zu den Schülern der Schule zählen in dieser Zeit der spätere Physiker Friedrich Georg Houtermans (1903-1966), der 1921 die Schule verläßt, und der spätere Jurist und Politiker Erwin Fischer (1904-1996), der gleichfalls 1921 abgeht.

1922 wird Alfred Ehrentreich Lehrer in Wickersdorf. Den fachlichen Unterricht bezeichnet er in einer Rückschau als - mit Ausnahme der musischen Fächer - traditionell, z.T. regelrecht enttäuschend, dem außerunterrichtlichen Leben eindeutig nachgeordnet. Während das in isolierter Lage gelegene Wickersdorf laut Ehrentreich von anderen pädagogischen Neuerungen ziemlich unbeeinflußt blieb, führte die auch auf Ehrentreich wirkende Anziehungskraft der Freien Schulgemeinde zu wahren Besucherströmen. Dabei wurden laut Ehrentreich die Besucher teilweise produktiv in das Unterrichtsgeschehen einbezogen - so daß sie zumindest teilweise nicht als Störung, sondern als ein regelrechter Gewinn betrachtet wurden.

Einer der Wickersdorfer Besucher war im Jahr 1924 Fritz Karsen (1885-1951), profilierter Reformpädagoge, der in Berlin-Neukölln einen Schulkomplex leitete (der 1930 den Namen 'Karl-Marx-Schule' erhielt und einer der wenigen konsequenten öffentlichen Schulversuche auf dem Gebiet des höheren Schulwesens der Weimarer Republik darstellte). Bei seinem Besuch bewegte Karsen Ehrentreich dazu, sich seinem Kollegium anzuschließen.

Das Jahr 1924, in dem Peter Gross sein Examen machte, war ein einschneidendes Jahr für die Schule in Wickersdorf: Da Wyneken Mitglied der Schulgemeinde blieb, selbst im benachbarten Pippelsdorf wohnte und ein eigenes Zimmer im Internat behielt, verließ Martin Luserke die Schule und gründete - um dem ständigen Gegensatz zu Wyneken auszuweichen -, die "Schule am Meer" auf Juist.

1925 wird Wyneken gestattet, als Wirtschaftsleiter in Wickersdorf weiter zu arbeiten, er darf jedoch nicht unterrichten. Trotzdem hat er einen großen Einfluss auf die Einrichtung, was zu erneuten Spannungen führt. 1931 wird erneut der Vorwurf des Missbrauchs gegen ihn erhoben. Er muß nun endgültig Wickersdorf verlassen und zieht mit dem betroffenen Zögling nach Berlin, 1934 nach Göttingen.

Literatur

  • Bildbericht der Schulgemeinde Wickersdorf. Wickersdorf 1933
  • Bildbericht der Schulgemeinde Wickersdorf. Wickersdorf 1937
  • Fischer, Erwin: Grundsätzliches aus dem Gedankengut der Schulgemeinde Wickersdorf. Wickersdorf 1933
  • Haubfleisch, Dietmar: Dr. Alfred Ehrentreich (1896-1998). Marburg 1999. archiv.ub.uni-marburg.de/sonst/1999/0014.html
  • Institut für Zeitgeschichte: Erwin Fischer. Rechtsanwalt, Publizist, Bürgerrechtler. Nachlaß 1904-1996. 1996
  • Körting, Almut: Jugendkultur und Jugendburg-Idee. In: Köpfchen. 2000/2001, 3-4, S. 4-9
  • Näser, Wolfgang: Halm, August (1869-1929): Vom Schicksal der Musik Beethovens. 2002. www.staff.uni-marburg.de/~naeser/halm.htm
  • Landrock, Konrad: Friedrich Georg Houtermans (1903-1966). Ein bedeutender Physiker des 20. Jahrhunderts. In: Naturwissenschaftliche Rundschau. 56. Jg. 2003, S. 187-199
  • Oelkers, Jürgen: Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten der Reformpädagogik. Weinheim u. Basel: Beltz 2011
  • Tageslauf in Bildern. Freie Schulgemeinde Wickersdorf. Berlin, Leipzig: Hübsch 1932
  • Urban, Lise: Erlebtes in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf 1906-1933. Zur Erinnerung an den 90. Gründungstag der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, Wickersdorf 1996
  • Ziegenspeck, Jörg: Martin Luserke - Notizen zu Leben und Werk des Reformpädagogen. Marburg 1999. archiv.ub.uni-marburg.de/sonst/1999/0016.html

Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet,

ist das Erschreckendste auf der Welt das eigene Leben,
die Tatsache, dass es nur dir selber gehört und sonst niemanden.

John Updike in memoriam

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