Meine Geliebte, ich bitte Dich, schreib mir bald - denk' (Brief 3)

Zusammenfassung

Otto Gross hat mit einer "Entwöhnungscur" begonnen und fordert Frieda auf, ihm bald zu schreiben, da er zu "einer gewissen inneren Unruhe disponiert" sei.

Er berichtet, daß er eine Frau in einem Schlafrock am Fenster gesehen habe, die ihr ähnlich sah. Sie habe bei ihrem Besuch in München (im Frühjahr 1907 hatten sich beide kennengelernt und waren eine Liebesbeziehung eingegangen) einen blauen Schlafrock getragen, den jetzt das "Mühsam-Friedele" besitze.

Frieda hat Otto Gross davon unterrichtet, daß sie nach Holland kommen wird, um ihm zu treffen. Er fragt sie nach einer erneuten Bestätigung für diese Absicht.

Otto Gross an Frieda Weekley


Meine Geliebte,
ich bitte Dich, schreib mir bald - denk'
Dir, ich bin ein wenig in Sorge. Ich muss
dazu sagen : ich habe jetzt mit meiner
Entwöhnungscur begonnen - ich bin darum
zu einer gewissen inneren Unruhe disponiert -
von Dir nun hab' ich ziemlich lange schon keine
Nachricht mehr, und darum wenden sich
solche Sorgen an Dich. Sonst hab' ich eigentlich
verhältnismäßig am wenigsten Angst um
Deine Liebe - ich glaube, gerade Du veränderst
Dich wohl kaum ohne Grund - gerade Du, wie ich
Dich zu verstehen glaube - Du könntest wohl einen
Andern viel lieber als mich bekommen und dabei
unverändert mir Deine Liebe gerade so wie bisher
bewahren. Nicht wahr, Geliebte, ich verstehe Dich
doch recht, nicht wahr? Ich fühle uns beide
von einer so klaren tiefen festen Freundschaft
verbunden - über der sonnigen Freude an uns -
zum heissen Sinnen und ihrem prachtvollen
Ineinander-Aufgehen von einer so starken und
klugen Freundschaft, von einem Wissen unserer
Seelen um Einander und einem hellen Jubel
in diesem Wissen - gerade in diesem klugen Wissen-
Geliebte, nicht wahr, das Alles kann doch nicht
verdunkelt werden in Deiner Seele - Das bleibt doch,
nicht wahr? - Oh Du, es macht wohl arg ver-
wundbar, macht arg gefährdet, reich zu sein -
vor Allem : an Liebe reich zu sein - - - -

Ich habe arg viel Sehnsucht nach Dir -
und heute noch besonders, heut habe ich eine
Frau zum Fenster herausgelehnt gesehen, die einen
Schlafrock getragen hat wie damals Du - - - -
mein goldenes Friedele Du ! Jetzt möcht
ich Deinen lieben lieben Kopf so eng und
innig an mich drücken, möchte Dir zärt-
lich keine Dinge sagen - Türkenpferde
möcht' ich sagen und solche Dinge - und
drum müsstest Du wieder in Deinem blauen
Mantel sein - mit dem sich das Mühsam-
Friedele [1] seither sehr schön und wichtig ge-
macht hat ! - die müsste ihn auf eine Nacht
wieder uns zurückgeben und Du müsstest
dann wieder den blauen Mantel an haben -
nur den blauen Mantel - - - -
Du, nicht wahr, das ist ganz bestimmt,
dass Du herüberkommst, wenn ich
nach Holland gehe [2] - dass Du, wenn wir
das Leben haben und gesund sind und
Alle, die wir lieb haben auch - dass Du dann
unter allen Umständen herüberkommst ?
Ich muss Dich sehen - - - -


1) Gemeint ist Otto Gross' Frau Frieda, die ein Verhältnis mit Erich Mühsam begonnen hatte
2) vermutlich im September 1907. Gross will am Kongreß für Neuro-Psychiatrie in Amsterdam teilnehmen, der vom 2.-7. September 1907 stattfindet, und dort referieren

 


Was suchst du Ruhe,
da du zur Unruhe geboren bist?

(Die freie Straße, 1915)