Meine Geliebte, Dir konnte der Gedanke kommen, (Brief 4)

Zusammenfassung

Otto Gross, der in München, Türkenstr. 81/II wohnt, berichtet Frieda Weekley über die Fortsetzung seiner "Entwöhnungscur" vom Morphium, die ihn auch vom Schreiben abhält. Er besitzt Morphium, von dem er gaubt, daß bei dessen Einnahme seine Fähgkeit des Ausdrucks wiederkehre.

Der Zeitpunkt eines erneuten Treffens mit Frieda (erstmalig trafen sie im Frühjahr 1907 in München zusammen und gingen eine Liebesbeziehung ein) scheint festzustehen. Bis zu diesem Treffen soll sie ihm, der durch den Entzug beeinträchtigt ist, schreiben.

Otto Gross an Frieda Weekley


Meine Geliebte,
Dir konnte der Gedanke kommen,
in meiner Liebe sei etwas anders
geworden - seltsame Möglichkeit !
Dass man sich doch so nah sein
kann und so Verkehrtes über
Einander denken ! Du heissgeliebte
Du - - siehst Du, ich muss Dich
um Nachsicht bitten, die Morphium-
Abstinenz legt eine eiserne Klammer
um Kopf und Herz - nichts,
nichts von Allem findet Aus-
druck, was in mir lebt und
drängt - - nicht eine armselige
halbe Stunde, in der ich mich
aussprechen könnte, in der ich
Dir nur einen Gruss zuschicken
könnte, in dem von meiner Liebe
etwas leben würde - - - - Hab' des-
halb Nachsicht, Geliebte : siehst
Du, ich thue etwas mit dieser Cur
was allgemein als sozusagen un-
möglich gilt - es habe Niemand dazu
die Willenskraft, so heisst es fast in
allen Büchern etc. Und nicht war [vielmehr: wahr], das

wäre doch allzu grausam, wenn
ich gerade dafür, dass ich das
durchsetze - gerade dafür jetzt bei
Dir verlieren sollte ! Siehst Du, ich
besitze Morphium genug und brauche
nur etwas davon zu nehmen,
dann löst sich dieser Bann und
dann kehrt die Fähigkeit des
Ausdrucks wieder : dann kann
ich Dir das richtige Bild davon
geben, wie meine Seele sich in
heisser Liebe Dir aufmachen will
- - - ich will's Dir lieber später
sagen, dann bei unserem Wieder-
sehen - - - einstweilen hör' ich auf
zu schreiben. Geliebte, Du bist ja nicht
in meiner Lage : schreib Du mir !
Schreib' mir viel von Dir - Du schenkst
Segen damit, unvergleichlichen Segen -
ich liebe Dich ja so, wie Du's noch
lange nicht weisst - - -
Dein Otto
Adresse: München
Türkenstr. 81/II

 


Es genügt nicht,

keine Meinung zu haben.

Man muß auch unfähig sein,

sie auszudrücken.

 

(Wolfgang Neuss)