Meine Geliebte, mir ist als seien Jahre hin- (Brief 7)

Zusammenfassung

Otto Gross berichtet Frieda Weekley, daß Gross' Frau Frieda seit einiger Zeit bei Else sei. Offenbar wurde ihm Mitteilung davon gemacht, daß Frieda Gross nicht zu ihm zurückkehre, wenn überhaupt, dann nur zu einer letzten Unterredung. Der Trennungswunsch Frieda Gross' beruhe seiner Ansicht nach auf einem sie beherrschenden "Impuls zur Verdrängung".

Otto Gross an Frieda Weekley


1.
Meine Geliebte,
mir ist als seien Jahre hin-
gegangen seit meinem letzten Brief.
Ich bin seither zum andern Mal
in neues Land gekommen - es geht
jetzt seltsam zu mit mir von Tag
zu Tag. Behalt nur Du mich lieb,
Du angstvoll und unendlich geliebte Frau
- Du einzige, die mich um meines
Strebens willen
an sich genommen hat - -
Mein Weg hat angefangen einsam
zu werden - gerade weil mir diese
bestimmte Richtung vorgezeichnet ist -
Jetzt scheint es so zu kommen, dass
Frieda - die seit einiger Zeit bei Else ist [1] -
wahrscheinlich nicht mehr zu mir
zurückkommen wird - entweder
überhaupt nicht mehr oder sonst [2
noch zu einem allerletzten Versuch -
zu einer letzten Unterredung, möchte ich
sagen - - - Ich weiss, warum es so
hat kommen müssen. Es ist derselbe
stete verschwiegene Kampf, der zwischen
mir und Frieda aus dem umfassendsten
und tiefsten Gegensatz der Willensrichtung
zum unvermeidlichen Verhängnis geworden ist.
Denn der beherrschende Impuls in Frieda
ist der Impuls zur Verdrängung
- - -
und dieser überall entscheidende Impuls
muss sie unfehlbar immer weiter
weg von mir und immer mehr in möglichst
schroffen Gegensatz zu Allem drängen, was ichbin - -


1) Gemeint ist Else Jaffé, die Schwester Frieda Weekley's, die in Heidelberg (Unter der Schanz 1, eine Privatstraße) wohnt. Im Frühjahr 1908 ziehen Else und ihr Ehemann Edgar nach München um.
2) Das vorstehende Wort wurde von O.G. nachträglich in den Text eingefügt.


Es genügt nicht,

keine Meinung zu haben.

Man muß auch unfähig sein,

sie auszudrücken.

 

(Wolfgang Neuss)