Meine Geliebte, ich habe Sorge, grosse (Brief 8)

Zusammenfassung

Otto Gross fordert Frieda Weekley auf, ihm nach München zu telegrafieren, um ihm ihre momentane Stimmung zu übermitteln. Auf einer vorherigen gemeinsamen Schiffsreise, hat er vergeblich versucht, Frieda zu bewegen versucht hat, sich aus ihrem "Milieu" (ihrer Familie in Nottingham) zu lösen.

Otto Gross an Frieda Weekley


III
Meine Geliebte,
ich habe Sorge, grosse
Sorge um Dich - ich
bitte Dich dringend
nur um ein paar
Worte - wenn Du besonders
gut sein willst, am
liebsten ein Telegramm
- das müsstest Du
aber, bitte, so stilisieren,
dass ich ein wenig
von Deiner momentanen
Stimmung daraus
verstehen könnte, nicht ?
Siehst Du, ich habe ja

nicht mehr um Deine
Liebe Angst - seit
jener Nacht auf dem
Schiff [1] wäre die Angst
wohl nicht mehr er-
laubt - aber ich habe
Angst um Dich, um
Deinen Zukunftsmuth
- ob Deine Kraft gerade
der erdrosselnden lang-
sam auf Alles sich
legenden Kleinlichkeit
des ganzen grauen
kalten Lebens in
jenem Milieu ge-
wachsen ist - ich
weiss, gerade dieser
Aussenwelt und ihren

Schädlichkeiten bist
Du nicht angepasst
- so wie von allen
wirklich freien und
stolzen
Thieren kaum
Irgendeines die Gefangen-
schaft erträgt - - -
ich habe Angst um
Deine Kraft zum Wider-
stand, zum Ganzbleiben
gerade wegen Deiner
prachtvollen Art,
gerade weil Du zur
Freiheit und nur zur
Freiheit geboren bist.
Gerade darum hab' ich
Angst um Dich - was

wird aus Dir in dieser
fremden, in dieser
uns ewig unmöglichen
Welt ? Antwort mir
bald - Türkenstr. 81 [2oder
Cafe Stephanie
[3]!
am liebsten Telegraphieren
- bleib stark und
frei, Du darfst nicht
unterliegen - es muss
eine Hilfe kommen
Dein Otto


1) Vermutlich ist eine gemeinsame Überfahrt von Holland nach England gemeint
2) Gross wohnt Türkenstr. 81/II
3) Im "Wiener Café Stephanie", Ecke Amalienstraße 14/Theresienstraße in München, im Volksmund "Café Größenwahn" genannt, ist Gross ständiger Gast; vgl. auch: Wilhelm, Hermann: Die Münchener Bohème. Von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg. München: Buchendorfer 1993, S. 85-87


Ich habe nur dreimal in meinem Leben geweint:
als man Jack Ruccini gehängt hat, bei der Geburt meines Sohnes,
und als ich den Flügel eines getrüffelten Huhns in den Ontario-See fallen ließ.

(Al Capone)