Meine Geliebte, ich habe Sehnsucht nach (Brief 9)

Zusammenfassung

Otto Gross bezieht sich auf einen seiner früheren Briefe an Frieda Weekley und will nun die darin gezeigte vorsichtige Haltung gegenüber Frieda aufgeben. Er betont, daß sie ihm "nothwendig" sei und will wissen, was mit ihr sei. Er warte diesbezüglich auf Nachricht von ihr, die kurz darauf eintrifft. Offenbar hat die Abfassung seines Briefes längere Zeit in Anspruch genommen, denn im Folgenden zitiert er ein eben von Frieda erhaltenes Telegramm ("so düster, wie ein Seufzen"). Er erinnert sie an eine gemeinsam verbrachte Nacht auf einem Schiff (vermutlich ist eine gemeinsame Überfahrt von Holland nach England im September 1907 gemeint) und ihre damaligen Abschiedsworte: "ich gehe, um zu kommen". Damals sei ihre Ehe (mit Ernest Weekley) hinter die Liebe der Beiden zurückgetreten. Er erinnert sich weiter an seine Nächte bei seinen Südamerikareisen als Schiffsarzt (1901), wo ihm am Sternenhimmel neben dem Orion ("im Zenith") das Kreuz des Südens stets die Richtung gewiesen habe und nennt sie sein Kreuz des Südens.

Otto Gross an Frieda Weekley

 

1. [1]
Meine Geliebte, ich
habe Sehnsucht nach
Dir. Ich erlebe jetzt,
was Du in meinem Leben
für eine Schicksalsmacht
geworden bist, was für be-
herrschende Kräfte durch
Dich in mein Leben strömen,
wie wichtig sich in Deinem
Bild die Welt und mein
Streben zusammenfügen -
Siehst Du, das waren die
zwei grossen Wandlungen,
die mir die Liebe gebracht
hat: durch Frieda habe
ich die Welt als einen
Werth verstehen und an die Welt zu [2] glauben
gelernt - durch Dich an
mich selber
----

So wie wir heute
zu Einander stehen,
ist's nimmermehr
gestattet mit irgend
einer Vorsicht von unseren
Dingen zu reden - darf
nimmermehr Vorsicht
zur Geltung kommen,
aus der noch [3] mein letzter
Brief an Dich entstanden
war ..... Ich kann jetzt
nicht mehr
unsere Liebe
noch wegzudenken ver-
suchen
kann nicht
mehr
anders als mit
dieser Liebe die Zukunfts-
möglichkeiten ansteuern ..
Weisst Du, das mit der Angst,
dass hat sich jetzt geändert -

mir ist jetzt nicht mehr
vorstellbar
, dass unsere
Liebe auch nicht mehr
blühen könnte, ich kann
nicht mehr
zu einem Bild
gelangen, in dem sie
nicht mit dabei wäre -
So haben meine Gedanken
aufgehört jenen Weg zu gehen.
So kann ich jetzt restlos
klar zu Dir reden - und Klarheit
wirst Du jetzt vielleicht vor allem [4]
brauchen können - - - Du
bist mir nothwendig,
Frieda, nothwendig, weil
Du mich gross und sicher

machst - nothwendig
Du mein Leuchtfeuer Du - -

- - das ist es, was ich Dir
von mir zu sagen habe
- so, wie ich das jetzt
erlebe, musst Du es wissen
- - Geliebte, was ist jetzt
mit Dir ? Ich beschwöre
Dich, schick' mir Nachricht
- es fängt erdrückend
auf mir zu lasten an,
so gar nichts von Dir zu
wissen in diesen augen-
blicken - Geliebte Du,
gerade jetzt gehöre doch
ich zu Dir gerade jetzt -
ich bin jetzt doch untrennbar
zu Dir gehörig geworden
-

2.
Du kannst mich doch
auch nicht mehr aus
einer Phase Deines Lebens
wegdenken - wir haben
Einander doch gefunden,
Frieda - - Du helles
Feuer, lass Dich nicht
verlöschen, lass mir
Deinen Schein, es ist so [5]
dunkel auf meinem
Weg - Du segenspendende
Kraft und Glut, verzehr
Dich doch um Gotteswillen
nicht in ersticktem
Brand - - -
-------------------------
Soeben kommt Dein
Telegramm - so düster,
wie ein Seufzen - -
Oh Frieda, komm zu
mir, ich erwarte Dich

ich sehne mich unendlich
nach dieser unerhörten
nie ausgekosteten
Möglichkeit, dass erst
ein [6] schrankenloses
triumphierendes
Ja ganz
frei und stolz und
über aller Fesseln hoch

hinaus sich auf-
richten kann - -
Dies Ja, dass Du und
ich Einander sagen
dürfen, wenn keine
fremde Macht, kein
fremder Befehl mehr
sich einmischen darf

in unsere
von der Nothwendigkeit
selbst nach aufwärts
gerichtete Bahn - -
Denk an die Nacht auf
dem Schiff - da hatten
wir den Ausblick auf
diese Zukunftsglück-
seligkeit - da sagtest
Du "ich gehe, um zu
kommen". Da fühlten
wir erst Beide das erste
Keimen einer neuen
Fruchtbarkeit in un-
serer Liebe, fühlten,
wie unsere Liebe sich
einen schaffenden Willen
erschuf - in dieser Nacht

hast Du gewusst, wo
Deine Ehe ist
- kennst
Du, was Nietzsche sagt:
"den Willen zu Zweien,
das zu schaffen, was
höher ist als die es
schufen - eine gute
Ehe heisse ich diesen
Willen" [7] ? Kinder und
Thaten
höher, unbegrenzt
höher hinauf
aus
einem Glauben an das
Steigen und Neugestalten
als ewig Treibendes tief
innerstes Lebensprinzip

aus diesem Glauben
der Deiner und meiner ist.

3.
Seit jener Nacht muss
ich soviel daran zurück
denken, wie ich damals
in den Tropennächten
auf Deck nach dem
Himmel gesehen habe -
da waren es doch immer
dieselben grossen Stern-
gebilde, nach denen
ich hinausgestarrt habe -
der Orion im Zenith,
gerade über mir
und meinem Schiff
wie über allen Schiffen
und allen Meeren,
räthselhaft, hoch oben für
sich, hoch über allen
Richtungen und Zielen

und Wegen der Schiffe
auf dem Meer, für alle
fragenden Blicke das
gleiche Symbol der Alles
verklärenden Ewigkeit
-
und über dem Bug
des Schiffes, stets
vorne über
der Richtung unserer,
gerade unserer Fahrt
das Kreuz des Südens,
stets Richtung weisend

gerade für unseren
Weg
, stets unveränderlich
den richtigen Curs
beleuchtend
im unver-
änderlich öden Meer -

Wie gut mir doch die
Sterne die Zukunft
vorausgesagt haben -
mein Schicksal mit
den Frauen, die ich liebe !
Seit jener letzten Nacht
giltst Du mir von
den Sternen für mich
vorausbestimmt -
Du Kreuz des Südens
über meiner Fahrt - -
Otto

1) Von O. G. geändert, vorher 4
2) Die vorstehenden vier Worte wurden von O. G. nachträglich in den Text eingefügt
3) Das vorstehende Wort wurde von O. G. nachträglich in den Text eingefügt
4) Die vorstehenden zwei Worte wurden von O.G. nachträglich in den Text eingefügt
5) Die beiden vorstehenden Worte wurden von O.G. nachträglich in den Text eingefügt
6) Das vorstehende Wort wurde von O.G. nachträglich in den Text eingefügt
7) Gross zitiert Nietzsche's "Also sprach Zarathustra". Dort heißt es in "Von Kind und Ehe": "Ehe: so heiße ich den Willen zu zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist, als die es schufen. Ehrfurcht voreinander nenne ich Ehe als vor den Wollenden eines solchen Willens". (zit. nach: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. München. Goldmann 1958, S. 55). "Zarathustra" gehörte zum gemeinsamen Lesestoff in den Flitterwochen des Ehepaars Frieda und Otto Gross (vgl. Brief von Frieda Gross an Else Jaffé vom 14. Februar 1903). Frieda Gross könnte mit dem Denken Nietzsches bereits früher durch ihren Onkel Aloys "Lusso" Riehl bekannt gemacht worden sein, der mehrere Werke über N. veröffentlichte: "Nietzsche, der Künstler und der Denker" (1. Aufl. 1897, 8. Aufl 1923), eine Sammlung von Vorträgen (1902 erstmals erschienen) und eine Rede über "Schopenhauer und Nietzsche zur Frage des Pessimismus" (Dank an Rolf Löchel, Marburg, für die Informationen zum Werk von Aloys Riehl.)


Es ist eine von mir oft ausgesprochene Theorie, daß alle Menschen von übeln Dünsten, ungraziösem Äußeren, häßlichem Gesicht, kurz: die Pechvögel in der Liebe, einer nationalistisch-antisemitischen Gesinnung zuneigen!

Anton Kuh