Meine Geliebte, ich schicke Dir einen frohen (Brief 15)

Zusammenfassung

Otto Gross schreibt nach längerer Unterbrechung an Frieda Weekley und versichert sie seiner Liebe.

Die Ursache für sein längeres Schweigen sei darin zu suchen, daß sich Frieda Weekley's Schwester Else von ihm abgewandt habe, dies sei aber für ihn zum "Keim" einer neuen, "grossen Kraft" geworden und habe ihn in der Überzeugung gestärkt, daß sich "aus einer Decadence" (...) "eine neue Harmonie des Lebens" erschaffe.

Otto Gross an Frieda Weekley


Meine Geliebte,
ich schicke Dir einen frohen
Gruss aus meiner ganzen
umarmenden Liebe heraus.
Ich bitte Dich, sei froh in
Deiner Schönheit - Du
bist mein. Du Geliebte -
es ist mir so, als ob
Du aus der Ferne fühlen
müsstest, wie meine Liebe zu
Dir sich schmückt - als müsstest
Du gewusst haben, warum
ich so lange still war -
gewusst haben, dass es die
Ungewissheit eines neuen
Wachsens war - Ungewissheit
über Alles und Jedes, nur
niemals um mein Lieben,
das unveränderlich ist.

Ich hätte Dir in jedem ein-
zelnen Moment gerade im-
mer Dieses Eine schreiben
können : Ich liebe Dich,
und Alles was Liebe ist
ist wunderbar schön.
Und dann noch Das =
ich glaube an das Werden
und an den Tag. Den hellen
kommenden Tag, für
den es Nacht gewesen ist.
Und du, Geliebte, weisst
es wohl schon lange =
den steigenden jungen
Glauben, der ist in mich
gekommen, seit dem es Nacht
gewesen war in mir,
damals mit Else [1]. Der
probende Schmerz der ist mir
zum Keim geworden -

den weiss ich treibend und
befruchtend wirken in
jeder gesegneten neuen
Stunde - der ist mir
ganz zur grossen Kraft
verwandelt worden, die eine
Sonneneinheit wirkt
aus Kampf und Liebe.
Ich weiss, dass alle Tiefen,
die jene Lebenskrise in
meinen entscheidenden Tagen
mir aufgebrochen hat,
nun bis zum Grunde
voll sind mit einem
neuen Lieben. Ich sehne
mich danach, ich könnte
Dich in meinen Armen
haben und von der Stunde
an mit Dir zusammen
wissen, mit welcher Kraft

aus einer neuen Tiefe
ich Dich von nun an liebe.
Du kennst ja meinen Glauben,
dass immer nur aus einer
Decadence sich eine neue
Harmonie
des Lebens erschafft
- und dass die wunderbare
Zeit, in der wir sind gerade
als die Decadenceepoche
zum Mutterschooss der
großen Zukunft bestimmt ist.
Und die im neuen Gleich-
gewicht vollendete Genesung
aus dieser Decadence
und alle neue aus dieser
Gesundheit geborene Kraft
ist frei in mir, um Liebe
zu sein : Ich liebe Dich,
Dein Otto


1) Gemeint ist Frieda Weekley's Schwester Else Jaffé, geb. von Richthofen

 

 


Quatsch Dich ruhig aus, Du Spaßvogel.

Melendez Jr. (Tito Goya) zu Peter Janeway (William Devane) in:
"Der Marathon Mann" (USA 1976)