Zum dritten Mal trafen am 9. November 2025 Aktive in der Residenzstadt zusammen, um die 49 Stolpersteine der Stadt zu pflegen. Neben einer starken Abordnung der OMAS GEGEN RECHTS hatte sich auch Bückeburgs Bürgermeister Axel Wohlgemuth eingefunden, der eigenhändig den vor dem Rathaus befindlichen Steinen neuen Glanz verlieh.
Angekündigt war die Aktion durch einen Aufruf, gerichtet u.a. auch an die am Ort befindlichen Schulen und den VfL Bückeburg, den auch die regionale Presse aufgriff (
www.szlz.de).
„Am 9. November 2025 jähren sich zum 87. Mal die Novemberpogrome von 1938 – vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden im Deutschen Reich.
Mit einem Tag Verspätung wurde damals in der Nacht vom 10. auf den 11. November die Bückeburger Synagoge geschändet, das Gotteshaus selbst und die jüdischen Kaufhäuser von Leo Rautenberg in der Schulstraße 21 und von Adolf Wertheim Lange Straße 15 geschlossen.
Der Wunsch, dass jüdisches Leben in Deutschland nie wieder bedroht werde, erfährt in diesen Tagen eine traurige Wiederlegung: Menschen jüdischer Herkunft, die die traditionelle Kopfbedeckung, die Kippa, tragen, werden bedroht, gewisse Kreise rufen offen zum Boykott israelischer Produkte auf, vereinzelt wird versucht, Menschen jüdischer Herkunft am Besuch von Lokalitäten zu hindern, die Betreiber erklären sie offen als unerwünscht, Stolpersteine werden beschädigt, entfernt oder geschändet.
Wir lehnen diese unerträgliche Entwicklung entschieden ab und fühlen uns vielmehr dem Konzept des Tikkun Olam des Judentums nahe, das darauf abzielt, die Welt zu reparieren.“

In einem Gedenkwort wurde zu Beginn der Putzaktion der Augenzeugenbericht von Gertrud Wertheim, der Tochter des jüdischen Kaufmanns Adolf Wertheim, wiedergegeben, die ihre Eindrücke schildert, als sie von ihrem Arbeitsplatz in Hannover am 10. November 1938 in Bückeburg anlangte:
„Die Erinnerungen an die Zeit der 'Kristallnacht' sind für mich zu schmerzlich. Nie werde ich den Weg vom Bahnhof zu unserem Hause vergessen. Die Aufregung meiner Mutter, sie konnte sich nicht beruhigen, hat dauernd geweint, als sie mir erzählte, was während der Nacht passiert war. Die zwei Männer in SA-Uniform waren in unsere Wohnung eingebrochen und standen mit gezogenen Revolvern neben dem Bett, zwangen meine Mutter, sich ih ihrem Beisein anzuziehen, und schleppten meine Eltern ins Gefängnis. Meine Mutter wurde am nächsten Morgen entlassen; sie war die einzige Frau, die in Haft war. Sie telefonierte mit der Leiterin des jüdischen Altenheims in Hannover, wo ich als Wirtschaftspramktikantin angestellt war. Sie bat die Dame, mich sofort zurück nach Bückeburg zu schicken. Mein Vater und die anderen jüdischen Männer wurden auf einen offenen Lastwagen geladen, bespuckt und geschlagen, am Bahnhof auf einem offenen Viehwagen ins KZ Buchenwald transportiert.
Oft frage ich mich warum? Meine Eltern waren angesehene und ehrliche Bürger der Stadt. Auf meinem Weg vom Bahnhof nach unserem Haus, wo alle Fensterscheiben eingeschlagen waren, ging ich an kleinen Gruppen vorbei; ich hatte den Eindruck, dass sie mich miteidig anschauten, wusste aber nicht, war passiert war. Meine Mutter war unglaublich aufgeregt. Ich konnte sie nicht beruhigen. Während der Nacht wachte ich auf, meine Mutter stand klopfend an der Glastür auf dem Flur, rief, helft mir, helft mir. Ich wusste nicht, was ich tun konnte, telefonierte unsere drei Ärzte; sie waren nicht bereit, ihr zu helfen. Ein Arzt, von dem meine Eltern öfters sprachen, ich kannte ihn nicht, kam und half mir, meine Mutter wieder ins Bett zu bringen." (Maiwald, Klaus: Nur Sohn Erwin überlebte die Shoah. Das Schicksal der jüdischen Kaufmannsfamilie Rautenberg aus Bückeburg. Bückeburg: Maiwald, 2016, S. 131-132)
1939 nahm sich Gertrud Wertheims Mutter Elise das Leben. Adolf Wertheim gelang es, seine Tochter Gertrud im August 1939 nach England zu einer Tante in Sicherheit zu bringen. Doch sein eigenes Leben konnte er nicht mehr retten. Im Dezember 1941 wurde er ins Ghetto Riga deportiert, wo er ermordet wurde. Am 22. November 2005 gehörten die Stolpersteine für die Familie Wertheim zu den ersten, die in der Stadt verlegt wurden.
Auch 2026 ist eine gleichartige Aktion geplant, zu der Bürgermeister Wolgemuth schon jetzt seine Teilnahme zusicherte. Ein gemeinsamer Besuch des Jüdischen Friedhofs in Bückeburg, zu dem die Stolperstein-Polierer einladen werden, ist in Vorbereitung.