Gustav Landauer und Margarethe Faas-Hardegger

"Noch ein paar Worte zum Umfeld. Landauer ist also auf Einladung eines gewissen Mark Harda in die Schweiz für eine Vortragstournée gekommen. Mark Harda entpuppt sich als junge, hübsche und politisch sehr engagierte Frau. Die beiden verlieben sich ineinander. (Das sagt zwar niemand so in unseren Quellen, dünkt mich aber mehr als offensichtlich). Nun hat Landauer ein Problem. Anscheinend hat er Margrit gesagt (versprochen?), dass er 'alles' seiner Frau Hedwig Lachmann erzählen will, schiebt dies aber ständig auf.

Brief Nr. 9

Donnerstag, gegen Mitternacht

Du liebe Margret! ich kann so gut arbeiten; ich habe das zweite Stück des Vortrags eben in diesen Abendstunden geschrieben, und ich danke es Dir. Ich glaube, es wird gut; aber ich sehe, es wird lang; unter zwei Stunden thu ich's, scheints, auch nicht für die Lesenden. Bald schreib' ich's Dir ab.
Aber ich habe noch immer keinen Brief von Dir, und ich lebe in grosser Sehnsucht.

Du! ich schreibe das so gesetzt, so verhalten. Weisst Du denn aber, wie ich mich beherrschen kann? Wie mir's das Leben beigebracht hat? Weisst Du, wie es eigentlich hinter meiner Ruhe kocht und stürmt? und wie ich es eigentlich, in meinem wahren Wesen, gar nicht aushalte, so von Dir getrannt zu sein? Weisst Du, dass das alles gar nicht so recht ich bin, der da so fortlebt und der da arbeitet? Er schreibt, und ich bin bei Dir. Wie wahr und gut hast du das jüngst gesagt, wie es in der Seele weiterarbeitet, wenn auch der Leib andern Dingen nachgeht. Nur dies Arbeiten in den Nachtstunden ist was Rechtes: ich bin bei dir und schreibe mit dir. Und dann der Schlaf, wo mir ein Traumleben aufgeht, die nicht seit langem. Ich bin da jetzt immer bei dir, fleischlich in absonderlichen Gestalten, wie sich's für den Traum gehört. Vorgestern hab' ich von Dr. Brubpacher (sic!) geträumt; erst von einem dicken, wissenschaftlichen Werk von ihm, in dem ich ganze Seiten las: es war gegen den 'Unsinn der Liebe' gerichtet. Dann erfuhr ich wieder, er sei aus Liebeseifersucht nicht in die Züricher Versammlung gekommen. -

Gestern war eine Gerichtsverhandlung gegen mich: es wurde mir nachgewiesen, der Knochen, den ich an dem schönen Bergsee unterhalb des Faulhorns gefunden habe (er ist einer meiner Talismane aus der Zeit mit dir: neben einer Sicherheitsnadel, einem kleinen Tüchlein, und einem Kiesel vom Rorschacher Ufer), dieser Knochen sei kein Kuhknochen, sondern vom Fuss eines schönen Mädchens, und ich verteidigte mich: ja, es sei wirklich der Knochen eines schönen Mädchens, aber das sei kein Beweis, dass ich sie ermordet habe. Und dann wache ich immer einen Augenblick auf und fühle zu dir hin.

Margrit, ich will morgen einen Brief von dir finden.

Freitag. Aber ich habe ihn nicht gefunden ..." (Regula Bochsler, Mail vom 16. Februar 2000)

"hoffentlich ist der 'zunft' bekannt, daß faas-hardegger und landauer doch sehr üppig und inniglich verliebt waren und daß im 2bändigen briefband landauer von 1927 doch ausführlich gross und nohl etc. erwähnt werden - fragt zaghaft ein türeeintreter.

mir hat einmal pinkus erzählt, wie er den nachlaß von faas-hardegger in pappkisten geborgen hat, da sie im tessin standen und zum teil nicht so recht unterm dach war viel von wasser und mäusen zerstört ---" (Hansjörg Viesel, Mail vom 18. Januar 2003)


Wenn ein Dummkopf einen Stein in den Garten wirft,
können ihn tausend Weise nicht entfernen.

(zit. nach Joseph Roth, Brief an Arnold Zweig vom 28. August 1934)