Meine Geliebte, ich hab' Dir neu- (Brief 13)

Zusammenfassung

Otto Gross antwortet auf einen Brief von Frieda Weekley, in dem sie ihm ihre Liebe versichert hat. Er hofft auf ein baldiges Wiedersehen bei ihm in München und erinnert sich daran, daß sie ihn bei einem vorherigen Treffen mit "Du bist Erotik" charakterisiert hat.

Er schreibt, daß ihm unbegreiflich bleibe, daß sich Frieda's Schwester Else (Jaffé) von ihm abwenden, einem anderen Mann zuwenden und sich mit den ihm und seinem "Weltempfinden extrem entgegengesetzten und innerlich verhasstesten Elementen in voller Bejahung zusammenfinden" konnte.

Auch seine Frau Frieda habe sich von ihm entfremdet und "niemals rechte Freude" an seiner Arbeit gehabt. Die Entremdung führt er vor allem darauf zurück, daß er sich bei der Entwicklung seiner analytischen Tätigkeit von verdrängten "Kindheitsimpressionen" zu befreien versucht habe, Frieda Gross aber nicht bereit gewesen sei, mit eigenen "Verdrängungen" aufzuräumen.

Otto Gross an Frieda Weekley

1.
Meine Geliebte, ich hab' Dir neu-
lich wohl Etwas durch einander
geschrieben - weisst Du, es war so
Etwas Unbegreifliches für mich - - -
ich musste gleich zu Dir mit Allem,
bevor ich noch ein wenig in Ordnung
war - - - Ich hab' jetzt einen
wunderbaren Brief von Dir bekommen
- Du hast mich noch lieb ! Meine
Geliebte, mein goldenes Friedele !
Da schreibst Du, es wird mir "un-
interessant
" werden zu hören, dass Du mich
liebst - und ich hab' eben darauf
als meine Rettung gewartet ! Du meine
Geliebte, Du Freundin, Du mütterliches
Weib - ich kann ja wohl zu Dir wie
zu mir selber reden - - - weisst Du,
es ist nicht Stolz, wenn ich mich
nicht recht traue zu bitten - es ist
immer die Angst, Du könntest etwa
aus Mitleid mir etwas geben, was nur
die Liebe geben soll, oder Mitleid
auf Kosten Deiner Liebe - - Nun aber
will ich alle solchen Bedenken hinter
mir lassen - sie scheinen mir auf
einmal kleinlich neben der grossen
Liebe und neben Deiner grossen und
reichen, stolzen Güte. Ich brauche Dich

ich brauche Dich, damit mir Etwas
Bestimmtes von meiner Seele nicht
verloren geht - - - Etwas, was Du an
mir geliebt hast und was zu mir
gehört, wenn ich so recht das Meinige
schaffen und wirken soll - - - Du
kannst mir helfen, wie es ganz
selten einem Menschen gegeben ist
einem anderen helfen zu können - -
Wenn Du mir jetzt - d.h. in dieser
nächsten Zeit, wenn es Dir eben an sich leicht möglich ist !

wenn Du mir jetzt ein Wiedersehen
schenkst und kommst zu mir
und hast mich so lieb wie ehemals -
dann hast Du mein böses Schicksal
von mir abgewendet
- dann hab' ich
dieses Eigenthümliche innere Glücks-
gefühl wieder, das meine Kraft und
Sicherheit und mein Schutz für neue
Wege ist - mein innerstes aus Freude
und Liebe kommendes Ja, das mir
in allem Erkennen und Streben Wärme
und Jugend giebt und Glauben an mich
- ich kann's nicht recht in Worte bringen,
was das ist - Du hast es wunderbar heraus-
gefühlt und ich hab' damals erst so Manches

davon durch Dich an mir verstanden.
"Du bist Erotik" hast Du mir damals
gesagt - ich hab' so viel darüber
denken müssen - ganz hab' ich's
jetzt in diesen Tagen verstanden - -
Siehst Du, in dieser Erfahrung mit
Else [1] ist dieses Eine, was meinem tiefsten
Gefühl so unbegreiflich bleibt = dass die Ent-
wickelung einer Seele, an der ich doch mit meinem
ganzen Wesen und - um bei Deinem
Wort zu bleiben - "als Erotik" mitgewirkt
hatte, dann doch zuletzt nicht in sich
selbst zu eigener Fülle gehobenen Lebens
gereift ist - dass eine Seele - ich möchte
sagen = unter dem Zeichen der Erotik mit
mir in Tiefen und Höhen die Welt erleben
konnte und bald darauf sich mit den
mir und meinem Weltempfinden extrem
entgegengesetzten und innerlich verhasstesten
Elementen in voller Bejahung zusammenfinden -
dass eine Seele im Freudefest der Liebe in
meine Welt einziehen und ihre Heimath bei
einer Welt erkennen konnte und jetzt mich
einen Fremden nennen kann, in dessen Land
man nur "zu Gast gewesen sei", und jetzt sich
gerade dort zuhause fühlt, wo ich ein Fremder und einsam bin

bei einem Typus Mensch, dem Alles unbekannt und
unverstanden ist, was mir als werthvoll
und hoffnungsreich und vor Allem als
vornehm gilt - - dass eine Seele auf ihren in
Wirklichkeit höchsten Höhen mit mir und
meiner vereint gewesen sein und dennoch ihre
Höhen verlassen kann
- - -
Nicht dass ich Else für mich
verloren habe - dass ihr die besten Mög-
lichkeiten in ihrer eigenen Seele
nicht für sie selbst erhalten worden sind
- dass mir die segnende Macht der Erotik
selber hier nicht die Kraft dazu ver-
liehen hat, das adelige Wesen in ihr
- das ist ihre wirkliche Persönlichkeit -
wenn nicht für mich, so doch für
immer ihr selber zu sichern
-
das ist das Gift, das mich krank macht -
Es ist nicht an sich selbst der Miss-
erfolg
- in meinem mehr auf Sprung
und Schlich gerichteten Leben ist das
Vergessen der Misserfolge ein uner-
lässliches Talent. - Hier ist es, dass mich
die besondere Kraft im Stich gelassen hat,
von der mir im tiefsten Grunde alles
Gute kommt, dass ich erleben oder thuen kann. -

2.
Für mich ist das vielleicht das Trau-
rigste an diesem Schicksal, dass Frieda [2]
sich gerade dann noch mehr von mir
entfremden muss
, wenn ich gerade
wirklich auf meiner Bahn gestiegen bin - - das war
ja meine schwerste Last in diesen ganzen
Jahren, dass Frieda niemals rechte Freude
an meiner Arbeit hatte
- gerade immer
weniger, je weiter ich gekommen bin
je mehr mir mein Beruf zum
Ausdruck des Persönlichsten geworden ist
-
zu einem Producieren aus meiner aller-
eigensten Freude an mir und Allem
was von meiner Art ist - - -
Ich habe die Natur dieses trennenden
Gegensatzes erst in der letzten Phase seiner
Entwickelung verstehen gelernt. Ich hatte
in der aller letzten Zeit mich selber
nach unseren Methoden vom Druck
verdrängter Kindheitsimpressionen [3]
befreien müssen - das war bisher
für mich in meinem Beruf die
wichtigste Entwickelung, und diese
muss ich auch am theuersten bezahlen
- Bis dahin hatte Frieda eine Reihe
entscheidender Verdrängungen [4] mit mir
gemeinsam gehabt - und so allein

ist es ihr möglich gewesen, an diesen
Verdrängungen festzuhalten. Sie muss
nun fühlen, dass dies fortan nicht
mehr gelingen kann - dass ein Zusammen-
bleiben jetzt nur mehr dann gedeihen
kann, wenn nun auch sie mit
den Verdrängungen aufgeräumt
.
Der Widerstand in ihrem Unbewussten
ist aber allzugross - - - - -
Ich kann jetzt nimmer weiter
schreiben - ich setze morgen
oder nächstens fort. Ich bitte Dich
jetzt nur, schreib mir sobald als
möglich - Hast Du mich noch
so lieb wie früher ?
Ich darf
Dir jetzt in der Verlassenheit ja
nicht mehr so wie ehedem von
meiner Liebe reden - Du weisst
es aber doch wohl noch, wie
ich von meiner Liebe zu Dir
gesprochen habe, als ich noch
glücklich war ? - -

Du weisst, dass Glück und
Unglück nichts an meiner
Liebe ändern können - -
Es schickt sich nicht für
Einen, von dem das Glück sich
wendet, sich noch besonders echt
zur Geltung zu bringen. Allein
das Eine sollst Du doch wohl
wissen, dass mir das Unglück
nichts von meiner Liebe nehmen kann

und nichts von meinem Streben.
Geliebte - hast Du mich noch
lieb ?
Dein Otto


1) Gemeint ist Frieda Weekley's Schwester Else Jaffé, geb. von Richthofen
2) Gemeint ist Gross' Ehefrau Frieda, geb. Schloffer
3) Vgl. auch die wahrscheinlich 1919/1920 im Zuge des Versuchs einer Selbstanalyse entstandenen Aufzeichnungen von Otto Gross: Der Schrei verhallt heut' meist ungehört. Dokumentation und Rezeption nachgelassener Analysen und Träume des Otto Gross
4) In einem Brief an Else Jaffé vom 20. Februar 1906 schreibt Frieda Gross, daß sie sich wegen der obsessiven Beziehung zu ihrem Vater schuldig fühlt.

 

 

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