Karl Jaspers und Otto Gross

Ingo Wolf Kittel, Augsburg, machte mich auf eine interessante Variation in Karl Jaspers” Werk “Allgemeine Psychopathologie” aufmerksam:

“Es ist begreiflich und auch schon vorgekommen, daß sich die Theorien beider [gemeint sind Wernicke und Freud, R. D.] in einem Psychiaterkopfe zusammenfinden.” So heisst es dort im fünften, “Theorien” benannten Kapitel und zwar sowohl in der 2. neubearb. Aufl. (Berlin 1920, S. 291), als auch in der 3. verm. u. verb. Aufl. (Berlin 1923, S. 327) im nunmehrigen 6. Kapitel.

Damit verfolgt Jaspers eine Richtung weiter, die er bereits in der 1. Auflage seines Werkes (Berlin 1913) beobachtet zu haben meint. Mit Bezug auf die “konstruktiven Theorien Wernickes” heißt es dort: “Die Frage der Beziehung von bekannten Hirnveränderungen zu bekannten seelischen Veränderungen (die Lokalisationslehre) wird jetzt rein empirisch auf den wenigen Gebieten, wo sie mit einigem Recht gestellt werden kann, untersucht, aber keineswegs mehr zur Grundlage der wissenschaftlichen Psychopathologie gemacht.” (S. 331) An wen mag Jaspers gedacht haben, der die von ihm 1913 vorgezeichnete Entwicklung konterkariert?

Näheren Aufschluss über die Intention der Ausführungen gibt die 1942 von Jaspers abgeschlossene, aber erst 1946 erschienene 4. Auflage des Werkes. In der völlig neu bearbeiteten Schrift heisst es im 3. Kapitel (”Über Sinn und Wert der Theorien”) des 3. Teils, “Die kausalen Zusammenhänge des Seelenlebens (erklärende Psychologie)” (Berlin 1946, S. 458): “Es ist begreiflich und auch schon vorgekommen, daß sich die Theorien beider in einem Psychiaterkopfe zusammenfinden (z.B. bei Groß; Wernicke und Freud waren beide Schüler Meynerts). Diese Theorien sind mit historisch wirksamen Namen verknüpft. Es scheint, als ob ein bedeutender Rang des Forschers und die Schöpfung der Theorie in Zusammenhang stände. Aber mit der Theorie sitzt auch in den Erkenntnisleistungen dieser Männer von Anfang an der Wurm, der die Gebäude zerfrißt, etwas Zerstörendes und Lähmendes, ein Geist von Absurdität und Inhumanität.”


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Ten Bears in "Der mit dem Wolf tanzt" (USA 1990)