Magdeburg war aufgrund seiner Lage und seiner Bedeutung über Jahrhunderte Festungsstadt und dadurch in seinem Wachstum begrenzt. Die Industrialisierung ließ Magdeburg stark wachsen. Aber Wohnraum war knapp, die Bedingungen in den Mietshäusern oft unhygienisch.
Hermann Beims, seit 1919 Oberbürgermeister von Magdeburg, suchte nach Lösungen für die Probleme im städtischen Wohnungsbau. So wurden im Zuge des so genannten Neuen Bauens zwischen 1925 und 1932 rund 11.000 Wohnungen errichtet. Dafür holte Beims bekannte Architekten und Stadtplaner wie Bruno Taut nach Magdeburg. Taut entwickelte den Generalsiedlungsplan für die Stadt und band andere progressive Köpfe wie Johannes Göderitz und Carl Krayl mit ein.
Beims reformierte aber auch noch andere Bereiche des städtischen Lebens. Es wurden zunächst vor allem Schulen und soziale Einrichtungen wie Suppenküchen gebaut. Die Stadt richtete ein Gesundheitsamt ein und stellte Schulärzte und Schulzahnärzte ein. Die Säuglingssterblichkeit in der Stadt wurde erheblich gesenkt.
Es erscheint also gerechtfertigt, neben dem „Neuen Bauen“ in Magdeburg von einer „Neuen Medizin“ zu sprechen, die neben der Initiative von Hermann Beims und ab 1931 seinem Nachfolger Ernst Reuter im Wesentlichen mit der Berufung von Dr. med. Paul Ignatz Konitzer (1894-1947) verbunden ist. 1926 zum Leitenden Fürsorgearzt in Magdeburg berufen und 1928 Stadtrat, Stadtmedizinalrat und Dezernent für Wohlfahrtspflege ist seine Dienstzeit vom Bemühen geprägt, soziale Grundsätze im Gesundheitswesen durchzusetzen. Dazu zählte er besonders
- die Anstellung von Schul- und Fürsorgeärzten sowie Schulzahnärzten,
- die Verbesserung des Gesundheitszustands der Jugend und
- die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit und der Tuberkulose.
Konitzer setzt sich für die grundlegende Modernisierung der Magdeburger Krankenhäuser ein, initiiert den Bau eines chirurgischen Pavillons und der Hautklinik in Magdeburg-Sudenburg. Seiner Initiative ist die Organisierung der Gesundheitsdeputation zu verdanken, eine aus Magistratsmitgliedern, Stadtverordneten und kompetenten Bürgern bestehende Form der Selbstorganisation, die zu allen Fragen der Gesundheitspflege und Prophylaxe Stellung nahm.
Konitzer erreicht die Einführung von kostenlosen Beratungsstellen unter spezialärztlicher Leitung in den Krankenhäusern, u.a. Sprachstörungs-, Schwerhörigen-, Alkoholiker- Sexual- und Eheberatungsstellen. 1929 legt er Pläne zur Demokratisierung des Gesundheitswesens vor und ist Berater des Deutschen Städtetages. In seiner Dienstzeit werden Schlüsselpositionen des Gesundheitswesens mit Ärztinnen und Ärzten jüdischer Herkunft besetzt, die sich auf ihren Fachgebieten besondere Verdienste erworben haben.