* 19. Juni 1895, Laurahütte/Schlesien - † 3. Oktober 1944, Auschwitz
Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten / Otto-von-Guericke-Str. 106, später Breiter Weg 120
S. ist der älteste Sohn des Kaufmanns Ferdinand Schlein (1870-1944) und seiner Frau Lina, geb. Bernstein (1873-1944) und wird im oberschlesischen Laurahütte geboren. Bald wechselt die Familie jüdischer Herkunft nach Radzionkau, wo weitere Kinder zur Welt kommen: Max (1897-1985), Erwin (1902-1980) und Käte (1904-1995). Von 1901 bis 1905 besucht S. die Volksschule, danach das Königliche Gymnasium in Beuthen. 1912 erfolgt ein weiterer Umzug nach Dresden, wo er das Wettiner Gymnasium besucht und im Februar 1914 das Abitur erlangt.
S. nimmt das Medizinstudium auf, am 22. April 1914 erfolgt die Immatrikulation an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. 1915-1918 befindet sich S. mehrmals im Fronteinsatz im I. Weltkrieg und leistet u.a. Dienst am Hygienischen Institut in Aleppo. Nach bestandener ärztlicher Vorprüfung im Oktober 1917 wird er zunächst zum Feldunterarzt und nach seinem Einsatz an der Westfront zum Bataillonsarzt ernannt. Er wird schwer verwundet und im November mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und dem Verwundetenabzeichen ausgezeichnet. Am 23. Oktober 1920 absolviert S. in Berlin das Staatsexamen und erhält die Approbation als Arzt. Von Januar bis Oktober 1921 arbeitet er als Volontärassistent an der Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten des Sozialhygienikers und Dermatovenerologen Alfred Blaschko (1858-1922), Wilhelmstr. 45, der auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ist.
Am 13. August 1921 wird S. mit der Dissertation „Ueber Röntgenbehandlung des Pruritus vulvae“ promoviert. Er folgt der Familie und wechselt nach Magdeburg, wo der Vater inzwischen den Magdeburger Wäsche-Vertrieb Ferdinand Schlein führt, der Onkel David Schlein (1881-1938) ist Geschäftsführer des Kaufhauses Diskret.
S. bewirbt sich am 6. Oktober 1921 für eine Anstellung als Volontärarzt an der von Carl Lennhof geführten Städtischen Hautklinik des Krankenhauses Altstadt, wird zum 15. Oktober als unbezahlter Volontärassistent eingestellt und kann ab 1. Juli 1922 mit vollem Gehalt tätig sein. Am 1. April 1923 erhält er eine Anstellung als Assistenzarzt, die er zum 30. November aufgibt, um sich nach abgeschlossener Facharztausbildung am Ort in eigener Praxis niederzulassen.
Schon am 29. Mai 1923 heiratet S. die aus dem seit 1920 zu Polen gehörenden ostpreussischen Soldau, jetzt Działdowo, stammende Anni Pieck.
Am 1. Dezember 1923 eröffnet er eine Facharztpraxis in der Otto-von-Guericke-Str. 106. Nachdem die Eheleute Breiter Weg 120 Wohnung genommen haben, verlegt S. auch die Praxis dorthin. Am 14. Januar 1927 kommt die Tochter Vera Judith zur Welt.
S. wird Mitglied der 1928 gegründeten Liga für Mutterschutz und soziale Familienhygiene und ist für deren Magdeburger Ortsgruppe als Referent aktiv. Die Liga - maßgeblich in der Anfangsphase vom Arzt und Sexualpädagogen Max Hodann beeinflusst, schon bald mit mehr als 300 Ortsgruppen in Deutschland vertreten - und ihre Zeitschrift „Liebe und Leben. Zeitschrift für Geburtenregelung und Sexualreform“ kann als wesentliche Organisation auf dem Feld der Sexualaufklärung, Schwangerschaftsverhütung und im Kampf gegen den Paragraphen 218 gesehen werden. Am 20./21. August 1932 führt sie ihre Reichskonferenz in Magdeburg durch.
S. gehört außerdem der von Kurt Blumenfeld (seit 1909 als Sekretär und seit 1924 als Vorsitzender) geleiteten Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) an, ist in deren Magdeburger Ortsgruppe aktiv, tritt für diese mit Vorträgen über jüdische Geschichte und Literatur sowie als Sprachlehrer in Hebräisch in Erscheinung und publiziert in deren Veröffentlichungen.
Die Kriegserfahrungen, seine im Verlauf der bisherigen beruflichen Laufbahn gewonnene Überzeugung setzt S. in sozialpolitischem Engagement um, das ihm alsbald die Ehrenbezeichnungen „Armenarzt“ und „Arbeitslosendoktor“ einträgt. Mit dem Praxisstandort in der Nähe von Magdeburgs Armenviertel, dem Knattergebirge, übernimmt er zugleich die Funktion einer Schnittstelle zum ihm ansonsten unzureichend erscheinenden System der öffentlichen Gesundheitsversorgung wie dem Krankenhaus Altstadt, ein Engagement, das durchaus als praktische Realisierung der Grundsätze von Tikkun Olam – hebräisch: Reparatur der Welt - und Zedaka – hebräisch: Gerechtigkeit, Wohltätigkeit – angesehen werden kann.
Ab 1. Juli 1933 wird S. die Behandlung von Kassenpatienten untersagt, von ihm an das Krankenhaus Altstadt überwiesenen Patienten dort die Behandlung verweigert. Er wird von der Gestapo schikaniert und mehrfach - so am 7. Juli 1933 - verhaftet, das Arztschild seiner Praxis mit der Hetzaufschrift „Meidet jüdische Ärzte“ versehen. Als wahrscheinlich gilt eine weitere Inhaftierung 1933 im KZ Dornburg, gesichert ist eine Verhaftung am 2. August 1934 wegen „Verdachts der Vorbereitung zum Hochverrat“ und schließlich am 13. September 1935 wegen „Verdacht auf widernatürliche Unzucht“ (der sich als unhaltbar erweist, die Freilassung erfolgt Tags darauf). Nach einer weiteren Verhaftung am 5. März 1936 wegen „kommunistischer Umtriebe“ aus der S. am 26. März entlassen wird, entschließt sich die Familie zur Emigration. Nach längerem Aufenthalt in Dzialdowo gelangen sie im September 1937 nach Amsterdam und erhalten dort am 5. Oktober die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. S. kann eine Tätigkeit in einem Krankenhaus aufnehmen und beginnt ein erneutes Medizinstudium, derweil allen Familienangehörigen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, S. die Approbation und die Promotion von der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität aberkannt wird.
Am 21. Juni 1943 werden die Familienangehörigen verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork abtransportiert. Am 18. Januar 1944 erfolgt mit dem Transport XXIV/2 die Deportation in das KZ Theresienstadt, wo sie am 20. Januar ankommen. Auch die Eltern von S. sind von Berlin aus dorthin deportiert worden, Ferdinand S. stirbt am 14. März 1944 dort, Lina S. wird am 16. Mai 1944 mit dem Transport Ea nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. S. selbst gelangt am 25. September auf den Transport Ek, der in Auschwitz endet, wo er am 3. Oktober ermordet wird. Anni S. gelangt mit dem Transport Eq am 11. Oktober dorthin, Vera Judith mit dem Transport Es, der am 20. Oktober dort eintrifft, beide werden ermordet.
In Magdeburg werden am 4. Dezember 2007 Stolpersteine für Anni, Otto und Vera Judith S. vor dem Haus Breiter Weg 114 verlegt, die Straße Schleinufer sowie die Berufsbildende Schule „Dr. Otto Schlein“ für Gesundheits-, Sozial- und Laborberufe ist nach S. benannt.