Meine Geliebte, Dank für den lieben (Brief 11)

Zusammenfassung

Otto Gross bedankt sich für einen Brief, den Frieda Weekley an Frieda Gross geschickt hat, die nach einer zeitweisen Trennung wieder bei ihrem Mann ist.

Er bittet Frieda Weekley, zu ihm nach München zu kommen, "diesmal" werde sie Freude an ihm haben. Möglicherweise war ein vorhergehendes Treffen durch seinen Versuch eines Rauschgiftentzugs beeinträchtigt, den er jetzt abgeschlossen zu haben glaubt.

Er berichtet, daß er im Zusammensein mit seiner Frau nun "unvergleichlich besser als irgendeinmal" sei, sie fange auch an, sich für seinen Beruf zu interessieren.

Ein Ring, den ihm Frieda Weekley geschenkt habe, und auf dem drei Frauen dargestellt seien, sei ihm zum Talisman geworden.

Er erinnert sie an ihr erstes Zusammentreffen in München, bei dem sie ihn "in einer wunderbaren grossen Art" gewählt habe.

Otto Gross an Frieda Weekley


Meine Geliebte,
Dank für den lieben
schönen Brief an
Frieda [1], ich glaube,
der hat sehr gut gethan.
Es ist jetzt viel besser,
Gott sei Dank, und sogar
Manches Neues Gutes -
ich kann jetzt viele Dinge
zu Frieda sagen und
sie hört zu - sie fängt
auch an für meinen Beruf
sich mehr zu interessieren.
Ich erhoffe mir Segen
von Deinem Hiersein -
mein Friedele [2]! Du, willst
Du nicht nach München

kommen - hast Du nicht
München lieb ? Ich freue
mich unsagbar auf Dich
- Geliebte, wenn Du
mich noch lieb hast
dann wirst Du diesmal
Freude an mir haben
- mir hat es wirklich
gut gethan, mich selber
behandelt zu haben
- und mein Beruf,
der mir doch so die richtige
Verwertung von allem Können
und Sein geworden ist
Das macht mich stark
und harmonisch und
sicher. Ich seh' das jetzt,
wie unvergleichlich besser
als irgendeinmal ich

diesmal im Zusammen-
sein mit Frieda bin, -
Mein Friedele, komm bald
- komm auf recht lang
- bleib doch am liebsten
ganz - - - -
Ich habe Dich so sehr lieb,
Du bist mir eine Kraft
und Wärme in jedem
Gedanken, der nach Dir
ruft - und derer sind
mehr als Du glaubst - - -
Dein Ring ist mir ein
Talisman geworden, der
Ring mit den Frauen
und dem Stein, der vom
Glanz Deiner Sonnenaugen
den Schimmer hat -
ich sehe ihn immerfort

so, als hättest du ihn eben
erst an meine Hand
gegeben und diese Hand
gesegnet zu allem Thuen,
das gut und stark und
frei ist - nie seh ich
diesen Ring ohne gute
Gedanken, du Segnende -
Du giebst so eine wunder-
bare Kraft, zugleich
ein richtiger Mensch
zu sein und zugleich
der Idee zu leben -
das Beides muss man
sein, um Werth zu
sein, Dich zu lieben -
Geliebte, diesmal hab'
ich Dir so viel zu sagen !

Weisst Du noch, wie es
damals in München
war, damals als Du
mich wähltest in Deiner
wunderbaren grossen Art ?
Weisst Du es noch, wie
überreich uns jede Stunde
war ? Frieda, was damals
Saat war, das ist jetzt
aufgegangen - komm jetzt
zu einem Erntefest
und neuen Saaten -
ich sehe diese Zeit, die
unserer Liebe kommen soll -
die Zeit des nächsten Wieder-
sehens als glänzender
und vielmals reicher
an Gold und Segen - Du
Meine Du - bleib mein !
Dein Otto


1) Gemeint ist Gross' Frau Frieda, geb. Schloffer
2) Koseform von Frieda, die Gross gelegentlich auch für seine Frau benutzt


Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen.

So wird dir Ärger erspart bleiben.

 

(Konfuzius)