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Name:
Vitzthum, Hilda (auch: Kaiser, Herta)
Geboren:
28. Dezember 1902, Frankenmarkt
Bio:

Hilda Vitzthum wurde 1902 in Frankenmarkt im oberösterreichischen Hausruckviertel als ältestes von vier Kindern geboren. Ihr Vater war ein kleiner Beamter am Bezirksgericht. Da ihre Mutter früh starb und sich Hilda Vitzthum mit ihrer Stiefmutter nicht vertrug, verließ sie früh das Elternhaus. Sie arbeitete zuerst in Linz als Dienstmädchen, dann über Vermittlung ihres Bruders Hubert in Wien. Ihr Bruder brachte sie auch in Kontakt mit der SAJ, wo sie 1921 Mitglied wurde, dann aber 1922 zu den Kommunisten wechselte. Bereits 1923 war Hilda Vitzthum Mitglied der Stadtleitung der KPÖ und aktive Mitarbeiterin der Agitprop-Abteilung. Beruflich gelang es ihr, nach kurzer Zeit als Textilarbeiterin einen Kurs als Röntgenschwester an der Wiener Universitätsklinik zu absolvieren und dann in einem Röntgenlaboratorium als diplomierte Röntgenschwester zu arbeiten. Als Mitglied des antifaschistischen Komitees wurde sie im Herbst 1929 verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Zwar wurde sie bald freigelassen, verlor jedoch ihre Arbeit. Da sie keine neue Stellung fand, schlug ihr die KPÖ einen einjährigen Kurs an der Internationalen Leninschule (ILS) in Moskau vor. Vitzthum studierte 1929/30 an der ILS unter dem Decknamen Herta Kaiser. Dort lernte sie ihren späteren Lebensgefährten Georgij Schtscherbatov (geb. 1897) kennen, der als älterer Student Mitglied der Schulleitung war. Nach der Rückkehr nach Österreich war Vitzthum im Auftrag der Partei tätig und besuchte als Instrukteurin Provinzorganisationen, während sie wegen zweier gegen sie anhängiger Prozesse in der Illegalität lebte. 1932 emigrierte sie endgültig nach Moskau. Sie sollte im Frauensekretariat der Komintern arbeiten, wozu es aber nicht kam, weil sie mit ihrem Lebensgefährten, der dort als Parteiaktivist tätig war, nach Novokuzneck (Stalinsk) zog. Vitzthum arbeitete als Betreuerin ausländischer Arbeiter im Eisen- und Stahlkombinat. Von ihren drei Kindern starb eines mit zweieinhalb Jahren durch einen Unfall. Nach der Verhaftung von Schtscherbatov wurde sie im Oktober 1937 aus der Partei ausgeschlossen. Daraufhin übersiedelte Vitzthum mit den Kindern zu Verwandten Schtscherbatovs nach Kostino-Otdelec bei Ternovka im Gebiet Voronesch. Im September 1938 bestellte die Kontrollkommission der Partei Vitzthum nach Novosibirsk, zuvor musste sie eine Charakteristik ihrer Tätigkeit in Novokuzneck besorgen. Dort wurde sie als Familienmitglied eines "Volksfeindes" ("wrag naroda") am 1. September 1938 verhaftet. Sie erfuhr das Urteil - fünf Jahre Lagerhaft - und stellte fest, dass es bereits am 7. Juli 1938 ausgestellt worden war. Ihre Verhaftung hatte sich aufgrund der Abreise zu den Verwandten des Mannes um drei Monate verzögert. Vitzthums Lagerodyssee begann in einem Lager bei Akmolinsk, dann kam sie nach Karabas bei Abaj (südlich von Karaganda), anschließend in ein Lager bei Anschero-Sudschensk im Gebiet Kemerovo, schließlich nach Dolinka im Gebiet Karaganda, wo sie erfuhr, dass ihre eineinhalbjährige Tochter Irina bald nach ihrer Verhaftung gestorben war. Über ein Lager bei Asino im Gebiet Tomsk wurde sie schließlich nach Suchobezvodnoe im Gebiet Nischnij Novgorod verlegt. Nach Ablauf ihrer Straffrist wurde Hilda Vitzthum, wie es während des Krieges üblich war, nicht entlassen. Sie wurde nach Volosnica, nordöstlich von Kirov (Vjatka) verlegt, wo sie den georgischen Soziologen und Philosophen Konstantin Megrelidze (er starb 1943 im Gulag) kennen lernte. Ende September 1946 wurde Vitzthum aus dem Lager entlassen, wurde aber einer Kolchose in der Nähe zugeteilt und durfte den Bezirk nicht verlassen. Als die Verbannung im Juni 1947 aufgehoben wurde, zog sie nach Buguruslan im Gebiet Orenburg, da ihr Moskau als Wohnort weiterhin verboten war. Schließlich konnte sie mit ihrem Sohn Ruslan nach Österreich ausreisen, wo sie am 7. Juli 1948 ankam.

Web:
www.doew.at/erinnern/biographien/oesterreichische-stalin-opfer-bis-1945/stalin-opfer-v/vitzthum-hilda
Literatur:

Lhotzky, Kurt: Hilda Vitzthum, in: Memorial. Österreichische Stalin-Opfer, Wien 1990, S. 39-51; Vitzthum, Hilda: Mit der Wurzel ausrotten. Erinnerungen einer ehemaligen Kommunistin. München: Vögel, 1984; Köstenberger, Julia: Kaderschmiede des Stalinismus. Wien: LIT Verl., 2016, S. 98, 162, 220, 221, 258, 322, 326, 328, 337, 357, 367, 394, 401, 436, 478, 489, 490; Hedeler, Wladislaw: Möglichkeiten und Grenzen bei der Erstellung von Kollektivbiographien Dokumente von Gulag-Häftlingen in den Kaderakten der Komintern. In: Buckmiller, Michael u. Klaus Meschkat (Hrsg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale. Berlin: De Gruyter, 2007, S. 405

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Das Tabu für Mord ist die strengste Regel, die unsere Rechtssysteme anwenden, und sie hat es so einfach gebrochen.
Aber nur, weil sich ihr Wahnsinn mit dem Reggies verbunden hat. Ähnlich wie die Begegnung zwischen Hitler und Himmler.
Hitler hat Postkarten gemalt und Himmler Hühner gezüchtet, glaube ich. Zusammen verursachten sie den Holocaust.

(Janwillem van de Wetering, Massaker in Maine, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 295)