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Name:
Wagner, Hildegard, geb. Uxa, gesch. Panzenböck (auch: Hassler, Hilde; Dikson, Maria)
Geboren:
5. Oktober 1913, Wien
Bio:

Hildegard Wagner wurde 1913 in Wien-Ottakring in einer tschechischen Arbeiterfamilie geboren, ihr Mädchenname war Uxa. Sie wuchs mit ihren fünf Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf und lernte - so wie ihre früh verstorbene Mutter - Schneiderin, war aber meist als Hilfsarbeiterin beschäftigt. 1928 trat sie in die SAJ ein, schloss sich aber ein Jahr später den Jungkommunisten an und wurde 1931 Mitglied der KPÖ. Mit siebzehn Jahren heiratete sie Ferdinand Panzenböck, einen Zimmermann und Genossen aus der Ottakringer Ortsgruppe. Bis zum Parteiverbot 1933 bekleidete sie mehrere Funktionen auf Bezirks- und Kreisebene und war nach dem Februar 1934 für die Verteilung von Propagandamaterial in Wien-West zuständig. Am 12. Februar 1935 kam es bei einem Protestmarsch am Johann-Nepomuk-Berger Platz in Wien zu Zusammenstößen mit der Polizei, wobei ein Demonstrant getötet und ein Kriminalbeamter schwer verletzt wurde. Mehrere Mitglieder der lokalen KP-Zelle flohen in der Folge in die Tschechischen Republik und emigrierten schließlich nach Russland, darunter das Ehepaar Panzenböck. Im September 1935 wurden Ferdinand und Hildegard Panzenböck in die Internationale Leninschule (ILS) in Moskau aufgenommen. Im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen ihren Kollegen Eduard Lange (Hans Ricker) wurde auch Hildegard Panzenböck (Deckname Hilde Hassler) von der ILS relegiert, weil sie ebenso wie Lange "wesentliche Punkte" in ihrer Biographie verschwiegen hatte, beispielsweise, dass sie als 12-jähriges Kind einen Onkel in Prag besucht hatte, der Kriminalbeamter war. Weiterhin wurden ihr schlechte schulische Leistungen nachgesagt, während sie wenig früher gute Leistungen aufgewiesen hatte. Ab Februar 1937 war Hildegard Panzenböck mit Wilhelm Wagner zusammen, der im Zusammenhang mit seiner geplanten Kommandierung nach Spanien die ILS verlassen hatte. Sie heirateten Anfang 1938, waren jedoch aufgrund geheimer Parteiaufträge Wilhelm Wagners längere Zeit getrennt. Hildegard Wagner war häufig krank, u.a. hatte sie die Ruhr und musste sich die Schilddrüse entfernen lassen. 1938 musste sie ihre Tätigkeit als Hilfsarbeiterin aufgeben, erst im Februar 1940 konnte sie wieder als Strickerin eine regelmäßige Arbeit aufnehmen. Nach kurzer Evakuierung nach Molotow (Perm) zu Kriegsbeginn, konnte sie im Auftrag des NKWD nach Moskau zurückkehren, wo ihr Einsatz als Fallschirmagentin (ihr Deckname war bei dieser Operation Maria Dikson) im besetzten Österreich im Rahmen des Pickaxe Coffee Teams vorbereitet wurde. Geplant war der Absprung von einem britischen Flugzeug in der Nähe von Wiener Neustadt. Das Coffee-Team, bestehend aus Albin Mayr, Anton Barak (Leiter) und dem Ehepaar Wagner, war für den Einsatz im Feindgebiet wenig geeignet, insbesondere Hildegard Wagner war gesundheitlich nicht dazu in der Lage. Wegen der leicht als Fälschungen erkennbaren Ausweispapiere und aus anderen Gründen verweigerte das Team schließlich geschlossen den Absprung und wurde per Schiff durch den Panamakanal über Vladivostok nach Moskau zurücktransportiert. Ein Fluchtversuch in Oakland scheiterte, die Gruppe erreichte zwar Kanada, das Land verweigerte ihr aber aus Rücksicht auf den Verbündeten das Asyl. Am 8. Oktober 1943 in Vladivostok verhaftet, wurde Hildegard Wagner in Moskau dreißig Mal verhört und am 3. Mai 1944 wegen Landesverrats zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Über ihren Gulag-Aufenthalt im Temlag (Mordwinien) und im Jagrinlag im Gebiet Archangelsk ist nichts bekannt. Hildegard Wagner wurde 1953 aus dem Lager entlassen und nach Bolschaja Murta in der Nähe des Enisej (Westsibirien) verbannt. Eine Petition an Ministerpräsident Bulganin war Ende 1956 erfolgreich, die Verbannung wurde aufgehoben. Dank einer Intervention der KPÖ 1962 wurde der Fall von der Staatsanwaltschaft neu aufgerollt, 1963 wurden Wilhelm und Hildegard Wagner rehabilitiert. Hildegard Wagner hatte inzwischen einen ehemaligen lettischen Mitgefangenen namens Witenbergs geheiratet und war mit ihm in die Küstenstadt Salacgriva im Nordwesten Lettlands gezogen. 1963 hätte sie nach Wien zurückkehren können, verzichtete aber darauf, weil ihrem Mann die Ausreise nicht erlaubt wurde. Ferdinand Panzenböck, ihr erster Mann, lebte nach dem Krieg in Österreich, er war KPÖ- und Gewerkschaftsfunktionär in Eisenstadt.

Web:
www.doew.at/erinnern/biographien/oesterreichische-stalin-opfer-bis-1945/stalin-opfer-w/wagner-hildegard
Literatur:

McLoughlin, Barry: Gruppenschicksal: Die Coffee-Agentengruppe im Zweiten Weltkrieg, in: McLoughlin, Barry & Josef Vogl, ... Ein Paragraf wird sich finden. Gedenkbuch der österreichischen Stalin-Opfer (bis 1945), Wien: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, 2013, S. 82-108; Köstenberger, Julia: Kaderschmiede des Stalinismus. Wien: LIT Verl., 2016, S. 130, 356, 367, 379, 380, 394, 402, 438, 478

Hilfestellung bei der Auflösung verwendeter Abkürzungen:
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Es ist eine von mir oft ausgesprochene Theorie, daß alle Menschen von übeln Dünsten, ungraziösem Äußeren, häßlichem Gesicht, kurz: die Pechvögel in der Liebe, einer nationalistisch-antisemitischen Gesinnung zuneigen!

Anton Kuh