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Name:
Wagner, Wilhelm (auch: Traub, Kurt; Schmid, Arnold)
Geboren:
11. Januar 1912, Wien
Bio:
Wilhelm Karl Wagner wurde 1912 in Wien in einer sozialdemokratisch orientierten Familie geboren. Er war Mitglied der SAJ und später der SDAP und des Schutzbundes, wo er eine Führungsausbildung absolvierte und trotz seiner Jugend zum Zugskommandanten bestellt wurde. Wilhelm Wagner absolvierte eine Schlosserlehre und arbeitete bei der Brückenbaufirma Waagner-Biró AG in Wien-Stadlau. Am 13. Februar 1934 wurde er mit seiner Gruppe in ein Feuergefecht mit Polizei und Heimwehrleuten verwickelt, wobei ein Polizeimajor namens Ableitinger so schwer verwundet wurde, dass er am nächsten Tag starb. Nach Kämpfen um das Floridsdorfer Arbeiterheim und einem versuchten Angriff auf das Bezirkspolizeikommissariat zogen sich die Schutzbundkämpfer zurück. Ein Teil der Truppe marschierte unter der Führung von Wilhelm Wagner und dem später in Spanien gefallenen Franz Zartl bewaffnet zur Grenze an die March (\"Marsch der 47\"). Nach kurzer Zeit im Lager in Brünn, wo er der KPÖ beitrat, gelangte Wagner mit dem ersten Schutzbundtransport im April 1934 nach Moskau, wo er auf den angebotenen Urlaub auf der Krim verzichtete und im Elektro-Werk \"Elektrosawod\" zu arbeiten begann. Unter dem Namen Kurt Traub studierte Wagner dann vom September 1935 bis Mai 1936 an der Kommunistischen Universität für die nationalen Minderheiten des Westens (KUNMS), nach deren Auflösung wurde er in die Internationale Lenin-Schule (ILS) übernommen (Deckname Arnold Schmid). An der ILS lernte Wagner Hildegard Panzenböck kennen, die Anfang 1938 seine Frau wurde. Seine geplante Kommandierung nach Spanien scheiterte am Widerstand seiner Frau. 1937/38 war Wilhelm Wagner dann wiederholt in geheimer Mission unterwegs: auf sowjetischen Schiffen, die unter falscher Flagge spanische Häfen anliefen. Nach einem längeren Urlaub war er dann auf die Unterstützung durch die MOPR angewiesen, bis er endlich in der Nähe von Moskau als Schlosser eine schlecht bezahlte Arbeit fand. Im Sommer 1941 nahm Wilhelm Wagner zusammen mit anderen österreichischen Freiwilligen an einer militärischen Grundausbildung teil. Ziel war ein Einsatz als Fallschirmagent im Feindgebiet. Das Pickaxe Coffee Team, bestehend aus Anton Barak als Leiter, Albin Mayr (er ersetzte den erkrankten Leopold Stancl) und dem Ehepaar Wagner, sollte von einem britischen Flugzeug in der Nähe von Wiener Neustadt abspringen (sowjetische Flugzeuge erreichten das Zielgebiet nicht), aus Wien Informationen an die Sowjets liefern und wahrscheinlich auch Sabotageakte durchführen. Das Coffee-Team war für den Einsatz im Feindgebiet wenig geeignet, insbesondere war Hildegard Wagner gesundheitlich nicht dazu in der Lage. Wegen der leicht als Fälschungen erkennbaren Ausweispapiere und aus anderen Gründen verweigerte das Team schließlich geschlossen den Absprung und wurde per Schiff durch den Panamakanal über Vladivostok nach Moskau zurücktransportiert. Ein Fluchtversuch in Oakland (Kalifornien) scheiterte, die Gruppe erreichte zwar Kanada, das Land verweigerte den Österreichern jedoch das Asyl, um die sowjetischen Verbündeten nicht zu verärgern. Am 8. Oktober 1943 in Vladivostok verhaftet, wurden alle vier Österreicher nach Moskau geschafft und intensiv verhört. Am 3. Mai 1944 wurden sie kollektiv wegen Landesverrats zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Wilhelm Wagner durchlief eine Reihe von Lagern, war zuerst im Unschlag bei Gorkij, dann in zwei Lagern in Westsibirien, schließlich im Steplag in Kasachstan, wo er in einem Kupferbergwerk arbeiten musste. Nach der Verbüßung der Lagerstrafe kam er nicht frei, sondern wurde lebenslänglich nach Enisejsk in Zentralsibirien verbannt. Durch einen Zufall gelang es Wagner schließlich 1962, Kontakt mit seinem Neffen Richard Wagner aufzunehmen, einem in der Sowjetunion aufgewachsenen Ingenieur, der Jurij Gagarin als Dolmetscher bei seinem Österreichbesuch gedient hatte. Wilhelm Wagner erhielt einen österreichischen Pass und konnte im Mai 1963 nach Wien ausreisen. Eine Entschädigung für das erlittene Unrecht verweigerte die sowjetische Regierung mit dem Argument, er sei kein sowjetischer Staatsbürger. Wagner arbeitete bis zu seiner Pensionierung 1972 in Wien als Schlosser und Metallarbeiter.
Web:
www.doew.at/erinnern/biographien/oesterreichische-stalin-opfer-bis-1945/stalin-opfer-w/wagner-wilhelm-karl
Literatur:
McLoughlin, Barry: Gruppenschicksal: Die Coffee-Agentengruppe im Zweiten Weltkrieg, in: McLoughlin, Barry & Josef Vogl, ... Ein Paragraf wird sich finden. Gedenkbuch der österreichischen Stalin-Opfer (bis 1945), Wien: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, 2013, S. 82-108; Köstenberger, Julia: Kaderschmiede des Stalinismus. Wien: LIT Verl., 2016, S. 130, 356, 367, 379, 394, 401, 438, 478

Hilfestellung bei der Auflösung verwendeter Abkürzungen:
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Das Gedenken aber an jene, die vor uns lebten, hütet den großen Zusammenhang, 
es bewahrt uns vor der Verflachung, es ist ein Schutz vor dem Nichts.

(Gertrude v. Schwarzenfeld, Cornwall, 1982)