Medizinalrätin Dr. med. Erika Rosenthal-Deussen (1894-1959)* 9. September 1894, Kiel - † 20. August 1956, Baltimore, Md./USA
Gewerbemedizinalrätin / Remtergang 1

Erika Deussen wächst als älteste Tochter des Indologen Prof. Dr. phil. Paul Jacob Deussen (* 7. Januar 1845 - † 6. Juli 1919) und seiner Ehefrau Marie Henriette, geb. Volkmar (* 17. Oktober 1863 - † 2. Februar 1914) in Kiel auf, nimmt im April 1914 das Medizinstudium an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel auf. Vom 5. August bis zum 15. Oktober 1914 leistet sie Kriegshilfsdienst im hygienischen Institut der Universität, ehe sie im April 1916 an der Friedrich-Alexander- Universität in Erlangen ihr Studium fortsetzt und dort am 29. Juli 1916 die ärztliche Vorprüfung absolviert.

Bereits am 21. Dezember 1915 heiratet sie in Kiel den in Berlin gebürtigen Bakteriologen und Pathologen Prof. Dr. med. Werner Rosenthal (1894-1942), schon am 30. Dezember 1916 kommt die gemeinsame Tochter Ruth in Erlangen zur Welt, am 5. August 1918 die Tochter Eva. Am 23. November 1919 absolviert R.-D. die ärztliche Vorprüfung in Erlangen und ist bis zum 30. Dezember 1920 als Medizinalpraktikantin an der medizinischen Poliklinik in Erlangen tätig. Am 13. Januar 1921 wird sie als Ärztin approbiert und am 1. Oktober 1921 mit der Dissertation „Das Facialisphänomen. Sein Vorkommen und seine Bedeutung nebst Untersuchungen über die galvanische Erregbarkeit grösserer Kinder“ in Erlangen promoviert.

Es folgt eine langjährige fachliche Weiterbildung. So ist R.-D. vom 1. Januar 1921 bis zum 15. März 1921 zunächst als Volontärassistentin am Medizinaluntersuchungsamt in Göttingen tätig, danach vom 1. April 1921 bis zum 15. Juli 1921 als Volontärassistentin an der Universitätsaugenklinik in Erlangen. Vom 15. Oktober 1921 bis zum 1. Dezember 1921 geht sie einer informatorischen Beschäftigung im Provinzial-Erziehungsheim für psychopathische Jugendliche in Göttingen nach, der vom 1. bis 31. Dezember 1921 die Tätigkeit als Volontärassistentin an der Universitätsklinik für Ohren- und Nasenkrankheiten in Göttingen folgt. 1921 bis 1924 fungiert sie als Assistenz- bzw. Vertretungsärztin ihres Ehemanns in seiner Tätigkeit als Impf- und Schularzt und an der Tuberkulosefürsorgestelle des Landkreises Göttingen. In dieser Zeit kommt am 17. November 1922 die Tochter Anna Beate zur Welt. Vom 15. März 1924 bis zum 15. August 1924 übt sie die Tätigkeit einer Volontärassistentin an der dermatologischen Universitätsklinik Göttingen aus, gefolgt von einem Volontariat an der dortigen Universitätsfrauenklinik vom 1. Oktober 1924 bis zum 30. September 1925, ehe sie vom 1. Oktober 1925 bis zum 30. April 1926 zur Medizinischen Klinik und dem Röntgeninstitut der Universität wechselt.

R.-D. verlässt vorübergehend Göttingen und nimmt Anfang Mai bis Ende September 1926 eine Anstellung als Volontärärztin an der Frauenklinik der Städtischen Krankenanstalten in Dortmund auf, vom 27. September bis zum 22. Dezember 1926 nimmt sie an einem Lehrgang in sozialer Hygiene und Fürsorge an der Westdeutschen sozialhygienischen Akademie in Düsseldorf teil. Anschließend wechselt die Ärztin wieder nach Göttingen, vom 15. Februar 1927 bis zum 15. Mai 1927 ist sie Volontärärztin in der Heil- und Pflegeanstalt Göttingen, vom 16. Mai 1927 bis Februar 1928 wissenschaftliche Hilfsarbeiterin beim Landesgewerbearzt wiederum in Düsseldorf.

R.-D. entschließt sich, berufspolitisch aktiv zu werden und schließt sich dem am 25. Oktober 1924 gründeten Bund Deutscher Ärztinnen (BdÄ) an und ist dort in deren Ausschüssen für Leibesübungen und Schulfragen aktiv.

In der Zeit der von R.-D. wahrgenommenen Vertretung des Stadtarztes in Hagen i.W. in den Monaten Juli und August 1928 erreicht sie am 28. August 1928 der Auftrag, die Gewerbeaufsicht im Bez. IV (Magdeburg, Erfurt und Merseburg) zu übernehmen, am 6. September 1928 wird sie vom Preußischen Gewerbemedizinalamt Magdeburg mit den Dienstgeschäften betraut. Vor dem Dienstantritt am 1. Februar 1929 absolviert sie in Berlin am 27. Oktober 1928 das Kreisarztexamen. Die Familie wechselt nach Magdeburg, wo R.-D.s Ehemann inzwischen eine Arztpraxis betreibt.

Auf der Tagung des BdÄ in Naumburg hält sie am 6./7. Dezember 1930 ein Referat mit dem Thema „Schwangerschaftsabbruch aus der Sicht der Gewerbeärztin". Sie tritt für die völlige Aufhebung des § 218 ein und will ihn durch mehr Schutz für Mutter und Kind ersetzt wissen. 1931 ist sie Schriftführerin der Ortsgruppe Magdeburg des BdÄ. Im gleichen Jahr wird sie Mitglied im „Deutschen Ärztebund zur Förderung der Leibesübungen“ (DÄBFL) und kann sportärztlich tätig sein.

1933 wird Prof. Dr. Werner Rosenthal in Göttingen von den Vorlesungen entbunden, R.-D. am 20. September 1934 entlassen. Die Familie emigriert nach Indien, wo R. in Mysore eine Professor am Seruminstitut des Medical College erhält und R.-D. in der Frauen- und Kinderfürsorge tätig wird. Als feindliche Ausländer werden sie im Internierungslager Yercaud im indischen Bundesstaat Tamil Nadu interniert, wo Werner Rosenthal im April 1942 stirbt.

Anfang der 1950er Jahre kann R.-D. als Schulärztin an der Kodaikanal International School tätig werden, verlässt bald darauf Indien und gelangt 1953 in die USA, wo sie in Baltimore lebt. Medizinalrätin Dr. med. Erika Rosenthal-Deussen scheidet am 20. August 1956 durch Suizid aus dem Leben.

Überhaupt Ärztinnen

Erst im Jahr 1893 werden erstmals in Deutschland Gymnasialkurse für Frauen angeboten. In Preußen werden Frauen ab 1896 als Gasthörerinnen zugelassen. Ein Bundesratsbeschluss war 1899 die Grundlage dafür, dass Frauen Zugang zu allen deutschen Universitäten bekamen. 1908 wird den Frauen das Studium in Preußen allgemein erlaubt. Im Jahre 1913 waren etwa 8 % aller Studierenden weiblichen Geschlechts. Bis 1930 stieg dieser Anteil auf etwa 16 %.

Magdeburger Ärztinnen jüdischer Herkunft

  • Dr. med. Gertrud Nachmann (1883-1936), Studium in Berlin, 1915 Promotion in Berlin – Stolperstein Große Diesdorfer Straße 24
  • Dr. med. Erika Rosenthal-Deussen (1894-1959), Studium in Kiel und Erlangen, 1921 Promotion in Erlangen
  • Dr. med. Gertrud Sophie Goldschmidt (1897-1985), Studium in Berlin, Tübingen und Freiburg, 1923 Promotion in Berlin
  • Dr. med. Ilse Jarosch (1897-1959), Studium in Leipzig und Göttingen, 1923 Promotion in Leipzig
  • Dr. med. Fanni Waldstein (1895-1940), Studium in Berlin, 1924 Promotion in Berlin
  • Dr. med. Anne Wilmersdoerffer (1906-1998), Studium in Würzburg, 1930 Promotion in Würzburg
  • Dr. med. Rosa Freudmann (1896-1971), Studium in Wien, 1932 Promotion in Berlin